
Der Geruch von Desinfektionsmittel hängt schon im Treppenhaus, lange bevor die Praxistür überhaupt in Sicht kommt. Mila reagiert darauf inzwischen reflexartig: Beine durchgestreckt, Rücken auf dem kalten Steinboden, Blick stur an die Decke gerichtet: die volle Seestern-Pose, kaum ist das Wort „Arzt" gefallen, dieses Mal vor der U8-Untersuchung, die im Gelben Heft ansteht. Diese Angst vorm Arzt gilt bei vielen Eltern schnell als eigenes Versagen, dabei ist sie unter Kleinkindern ziemlich normal.
Ilse, die seit Monaten nach jedem Sonntagspost kurz schreibt und deren Zwillinge selbst gerade mitten in dieser Phase stecken, hat mich neulich etwas gefragt, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: Reicht es nicht, dem Kind vorher einfach zu sagen, dass beim Arzt nichts wehtut? Sie stellt selten Fragen, auf die sie eine fertige Antwort erwartet, aber genau diese hat mich zum Nachdenken gebracht. Die ehrliche Antwort lautet Nein, und das ist erst der Anfang von dem, was die meisten Eltern bei diesem Thema falsch verstehen, mich eingeschlossen.
Der Mythos vom fröhlichen Herunterspielen
Man glaubt, man müsse dem Kind die Angst nehmen, indem man alles möglichst fröhlich und harmlos klingen lässt. „Das wird ein Riesenspaß, wir gucken uns nur die bunten Fische im Wartezimmer an!" – genau so habe ich vor der letzten Vorsorgeuntersuchung geredet, mit einer Stimme, die eine Oktave zu hoch war. Kinder merken diese übertriebene Heiterkeit sofort. Für Mila war meine Fröhlichkeit kein Trost, sondern ein Warnsignal: Wenn Mama so tut, als wäre alles ein Fest, muss in Wirklichkeit etwas Schlimmes bevorstehen.
Zurück blieb dann trotzdem nur die Realität im Flur: der stechende Geruch von Desinfektionsmittel, vermischt mit Milas Erdbeer-Shampoo, während sie sich krampfhaft an meiner Jacke festkrallte. Dazu der Gedanke, den wohl jede Mutter im Wartezimmer kennt – ob die anderen Eltern glauben, ich hätte mein Kind nicht im Griff, während ich eine schreiende Dreijährige aus den Gummistiefeln schäle, als wäre die eigene Erziehungskompetenz direkt an die Lautstärke des Kindes gekoppelt.
Warum Mitbestimmung wichtiger ist als Beruhigung
In der Autonomiephase geht es fast immer um Kontrolle, und beim Arzt gibt Mila die komplett ab – gewogen, gemessen, in den Hals geschaut. Sobald ich gegen diesen Widerstand andrücke, stecken wir mitten in einer Machtkampf-Dynamik, aus der niemand als Sieger geht.
Neulich hat sie beim Abendessen einfach „Nein" gesagt, ganz ohne Erklärung – ein kurzer Blick zu mir, dann hat sie einfach weitergemalt, als wäre die Sache erledigt. Genau dieses Gefühl, ernst genommen zu werden, ohne sich rechtfertigen zu müssen, ist es, was am Arzttermin oft fehlt, wenn man nur beruhigt statt beteiligt. Am Ende steckt darunter fast immer ein Bedürfnis, das gerade nicht gesehen wird, wie man es aus der GFK kennt.
Als alleinerziehende Mutter gibt es in solchen Momenten niemanden, der übernimmt, wenn die eigene Erschöpfungsschwelle erreicht ist. Der Wechsel vom Spielen zum Anziehen der Jacke ist für Mila ohnehin oft schon ein kleiner Übergangs-Widerstand für sich, lange bevor der Arzt überhaupt ins Spiel kommt, und ihre Frustrationstoleranz ist an solchen Tagen sowieso schon dünn.
Reicht es, das Kind vorher nur zu beruhigen?
Vor der U7a hatte ich sogar Swantje aus dem ersten Stock angerufen, in der Hoffnung, dass Mila kurz mit einer vertrauten, ruhigen Stimme an der Leitung spricht, bevor wir losgehen – Swantje hat diesen Blick, der fast alle in unserem Haus beruhigt, dachte ich mir, vielleicht funktioniert das auch am Telefon. Es hat nichts gebracht. Kaum standen wir vor der Praxistür, lag Mila wieder auf dem Boden, das Telefonat komplett vergessen.
Was stattdessen geholfen hat, war unspektakulär und ziemlich konkret. Wir haben angefangen, den Teddy zu „impfen" – aber ohne das übliche „der spürt gar nichts". Ich sagte: „Guck mal, der Teddy erschrickt kurz, weil das ein kleiner Piks ist. Das zwickt wie eine Ameise. Aber danach ist es vorbei." Mila hat mir bei diesem Thema zum ersten Mal wirklich geglaubt, vermutlich weil ich aufgehört hatte zu lügen. Ein billiges Spielzeug-Stethoskop wurde plötzlich mein wichtigstes Werkzeug: Wir haben nicht nur die Puppen abgehört, Mila durfte auch bei mir hören, wie mein Herz klopft, sogar wenn ich Angst habe.
Eltern-Hacks für den nächsten U8-Termin, die wirklich helfen
Am Tag des Termins hatten wir die S-Bahn extra früh genommen, weil Stress der größte Feind der Kooperation ist – das gilt für die Anfahrt genauso wie für den Wartezimmerstuhl, und dabei denke ich oft an ein paar Tricks für stressfreie Autofahrten, die uns in anderen Situationen schon geholfen haben. In der Praxis passierte dann fast ein kleines Wunder: Unsere Ärztin sah Milas starren Blick und fragte: „Mila, ich habe gehört, du hast heute deinen Teddy dabei. Darf der mal mein Herz abhören?" Mila zögerte, griff nach ihrem Stethoskop und drückte es der Ärztin auf die Brust. Die Dynamik verschob sich sofort von Mir wird etwas angetan zu Ich nehme teil.
Es gab trotzdem Tränen beim Piks, aber kein hysterisches Schreien mehr – nur ein kurzes, ehrliches Weinen, bei dem ich sie halten konnte, ohne das Gefühl zu haben, sie zu verraten. Ich habe nicht gesagt, dass es nicht schlimm war. Ich habe gesagt: „Ich weiß, das war blöd. Jetzt ist es vorbei. Du hast das geschafft." Später hat sie stolz ihren bunten Pflaster-Sticker gezeigt und behauptet, sie sei seitdem drei Zentimeter gewachsen.
Verschwindet die Angst von selbst, wenn die Trotzphase vorbei ist?
Wie lange diese Phase insgesamt dauert, ist ohnehin schwer vorherzusagen, und ich habe aufgehört, danach zu fragen. Darauf zu warten, dass die Arztangst sich von allein auflöst, sobald die Trotzphase vorbei ist, wäre der zweite große Irrtum. Wie man selbst in solchen Momenten ruhiger bleiben lernen kann, frage ich mich öfter, als mir lieb ist – das ist am Ende die Voraussetzung für das, was man Co-Regulation nennt: Ich kann von Mila nur erwarten, ruhig zu bleiben, wenn ich es selbst gerade schaffe.
Wenn du selbst vor so einem Termin stehst, würde ich dir nicht versprechen, dass nichts wehtut – das merkt jedes Kind sofort, wenn es nicht stimmt. Gib deinem Kind stattdessen irgendeine Form von Mitbestimmung: welches Pflaster, welcher Ärmel zuerst, wer das Stethoskop halten darf. Das ist der Unterschied zwischen einem Kind, über das etwas ergeht, und einem Kind, das mitmacht. Wir sind danach noch kurz über den Wochenmarkt am Alaunplatz gelaufen, mehr aus eigenem Bedürfnis nach frischer Luft als aus einem Plan heraus, und falls dir das alles bekannt vorkommt: Im Glossar der Trotzphasen-Begriffe sammle ich Begriffe wie Autonomiephase oder Co-Regulation, für den Fall, dass es hilft, dem Chaos einen Namen zu geben.