
Warum klappt es in der S-Bahn, wenn wir spontan ein Lied erfinden, aber der Sonnenschutz am Nachmittag zur offenen Feldschlacht wird, mitten in einer Trotzphase, die sonst keine Kompromisse kennt? Ich habe darauf noch keine vollständige Antwort, nur zwei sehr unterschiedliche Nachmittage, die ich seitdem nicht mehr aus dem Kopf bekomme.
Am Donnerstag wollten wir nur schnell raus, zu den Elbwiesen am Elberadweg, wo Mila am liebsten auf dem schmalen Trampelpfad Rennen gegen unsichtbare Gegner veranstaltet. Bevor wir die Wohnung verlassen konnten, stand aber erst die Tube im Weg. Ich hatte ihr fünf Minuten vorher angekündigt, dass wir gleich eincremen – eine Taktik, die mir jemand empfohlen hatte, weil Ankündigungen Übergänge angeblich leichter machen. Mila hörte zu, nickte sogar. Und flitzte trotzdem nackt und schreiend durch den Flur, sobald die Tube tatsächlich aufging.
Sonnenschutz als tägliches Schlachtfeld
Als Alleinerziehende gibt es bei so einem Machtkampf keinen zweiten Erwachsenen, der übernimmt, wenn mir die Geduld ausgeht. Was gerade zwischen uns passiert, würde man wohl Machtkampf-Dynamik nennen – ich nenne es einfach den Moment, in dem ich die Tube am liebsten aus dem Fenster werfen würde. Mila steckt mitten in ihrer Autonomiephase, das weiß ich inzwischen, auch ohne dass mir das großartig weiterhilft, wenn sie schreiend über den Flurteppich robbt.
Kinderhaut ist empfindlicher als unsere, das lese ich immer wieder, gerade wenn es um UV-Strahlung geht, und an Tagen mit hohem UV-Index nehme ich das inzwischen ernster, als ich früher zugegeben hätte. Trotzdem hilft mir das im Moment selbst wenig – Mila interessiert sich fürs Prinzip herzlich wenig, wenn die Tube schon offen ist.
Warum klappt es in der S-Bahn, aber nicht im Flur?
Auf der Fahrt in die Stadt, ein paar Tage vorher, war alles anders. Wir saßen nebeneinander in der S-Bahn, irgendwo zwischen zwei Haltestellen, und haben aus dem Rattern der Räder eine improvisierte Melodie gemacht – Mila hat sich Zeilen ausgedacht, ich den Rhythmus dazu gebrummt. Kein einziges Nein, kein Widerstand, nicht eine Träne. Sie hat mitgemacht, weil sie mitgestalten durfte, nicht weil ich sie überzeugt habe.
Der Unterschied zwischen den beiden Nachmittagen lässt sich fast wie zwei Ausgangstexte lesen, die angeblich in derselben Sprache geschrieben sind, aber völlig unterschiedliche Grammatik brauchen. Bei der S-Bahn gab es kein Ziel, das ich durchsetzen musste – nur einen freien Raum, den wir gemeinsam gefüllt haben. Bei der Cremetube dagegen stand von Anfang an fest, was passieren soll, und genau das spürt Mila offenbar sofort.
Ilse hat mir die richtige Frage gestellt
Ilse, die nach fast jedem Sonntagspost schreibt, hat mich genau danach gefragt, ohne dass ich vorher überhaupt selbst darauf gekommen wäre: ob es bei uns auch so ungleich verteilt ist – leicht bei dem einen, zäh bei dem anderen, obwohl es doch dieselbe Dreijährige ist, die beides erlebt. Sie erwartet nie eine fertige Antwort, nur dass ich kurz drüber nachdenke, und genau das habe ich seitdem getan.
Wer sich noch erinnert, wie zäh der Winter bei uns war, kennt das Muster vielleicht schon: Genau wie damals, als das Kleinkind keine Jacke anziehen wollte und jeder Ausgang zur Grundsatzdebatte wurde, geht es auch beim Sonnenschutz nie wirklich um die Creme selbst, sondern darum, wer in diesem Moment bestimmt, was mit ihrem eigenen Körper passiert.
Ähnlich war es, als das Kind nicht mehr gegen das Händewaschen rebelliert hat, sobald Seifenblasen im Spiel waren – nicht weil ich besser erklärt habe, warum saubere Hände wichtig sind, sondern weil sie plötzlich selbst etwas zu tun hatte. Swantje aus dem ersten Stock stand an jenem Donnerstag zufällig im Treppenhaus, sah sich das ganze eingecremte Chaos mit diesem unfassbar ruhigen Blick an, den sie einfach hat, und sagte kein Wort dazu – was mir in dem Moment mehr half als jeder Ratschlag.
Wann Ansage hilft und wann Spiel gewinnt
Ein paar Dinge helfen inzwischen zuverlässiger als Logik. Der weiche Schminkpinsel zum Beispiel macht aus dem klebrigen Gefühl auf der Haut fast ein Spiel, vor allem wenn Mila ihn selbst führen darf und den ersten Klecks eigenhändig verteilt, auch wenn dabei mehr Creme auf dem Teppich landet als auf ihren Beinen. Manchmal verwandle ich die Punkte auf ihren Armen in „Zauberpunkte", die sie wegreiben muss, bevor wir losdürfen. An besonders zähen Tagen greife ich zu UV-Kleidung, einfach weil sie mir an Armen und Rücken die halbe Diskussion erspart.
Für mich läuft es inzwischen auf eine einfache Faustregel hinaus: Wenn Zeit da ist und niemand in fünf Minuten aus der Tür muss, gebe ich Mila die Kontrolle über den Pinsel und lasse sie das Tempo bestimmen, so wie in der S-Bahn. Steht dagegen die Uhr gegen uns, weil wir wirklich bald bei den Elbwiesen sein müssen, sage ich klar und ohne Umweg, dass wir jetzt eincremen, und nehme den kurzen Protest in Kauf, statt auf Kooperation zu hoffen, die in der Eile sowieso nicht kommt.
Ob das erklärt, warum diese Phase so wichtig ist für Mila, weiß ich nicht sicher – aber es erklärt wenigstens, warum ich nicht mehr jeden zähen Nachmittag als Niederlage werte, nur weil er anders läuft als der Ausflug davor.
Zwischen den Tasten sitzt gerade noch der süßliche Rest von Milas Plastilin, den ich erst jetzt beim Tippen wieder rieche, während sie schon schläft. Solche kleinen Eltern-Hacks – Pinsel statt Kommando, Timing statt Prinzip – lösen unseren Kleinkind-Alltag nicht auf, aber sie machen ihn an manchen Nachmittagen erträglicher. Und falls du dich fragst, ob dein Kind auch bei der einen Sache mühelos mitzieht und bei der nächsten komplett blockiert: Es ist offenbar keine Frage des Kindes. Es ist eine Frage danach, wer in dem Moment das Steuer hält.