Mila hängt quer in meinen Armen wie ein Brett, Beine durchgestreckt, Kinn nach oben gereckt, und mitten auf dem Elberadweg an den Elbwiesen weiß ich für einen Moment einfach nicht, wohin mit diesem ganzen stocksteifen Widerstand. Sie wollte nicht laufen, wollte aber auch nicht getragen werden – zwei Sätze, die sich in dieser Trotzphase offenbar nicht widersprechen müssen.
Kurzer Zwischenstopp, bevor ich weiterschreibe: Dieser Text enthält Affiliate-Links. Kaufst du über einen davon etwas, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Ich erwähne hier wirklich nur Dinge, die ich selbst gerade in dieser Phase ausprobiere – mehr dazu auf meiner Über-mich-Seite.
Ich übersetze sonst französische Sätze, bei denen man sich ein Wörterbuch danebenlegen kann, wenn man nicht weiterweiß. Hier gibt es kein Wörterbuch. Es gibt nur ein Kind, das sich entschieden hat, ein Brett zu sein, und eine Mutter, die versucht, mit einem Brett unter dem Arm eine Elbwiese zu überqueren, ohne hinzufallen.
Der Moment, in dem ihr Körper einfach zumacht
Niemand hat mir vorher gesagt, dass eine Dreijährige komplett erstarren kann, aus Protest gegen einen Schuh oder gegen die Richtung, in die wir gerade gehen. Mila macht das seit ein paar Monaten regelmäßig – ich nenne es für mich den Brett-Modus, weil kein anderes Wort so genau trifft, wie steif ihr ganzer Körper dann wird. Vermutlich gehört das einfach zu ihrer kindlichen Entwicklung gerade dazu, auch wenn es sich in dem Moment selbst nicht danach anfühlt.
Was in ihrem Kopf in diesem Moment passiert, kann ich nicht wirklich erklären, und ich habe aufgehört, es erklären zu wollen – irgendwo geht bei ihr gerade zu viel auf einmal, und der Körper macht dicht, mehr weiß ich auch nicht. Die körperliche Autonomie, die sie sich in dieser Phase erkämpft, zeigt sich eben nicht nur im Neinsagen, sondern genauso in diesem puren Widerstand gegen Berührung.
Warum hilft reden in diesem Moment eigentlich nicht?
Früher habe ich in solchen Situationen geredet. Lange, geduldige Sätze darüber, warum wir jetzt nach Hause müssen, warum die Straße gefährlich ist, warum ihre Beine doch eigentlich laufen können. Komplette Verschwendung von Atem, das kann ich mittlerweile mit Sicherheit sagen.
Ich habe lange versucht, das Ganze mit Logik zu lösen, mit vollständigen Sätzen und guten Gründen, ungefähr so, wie ich einen komplizierten Satz aus einem Roman auseinandernehme. Spoiler: Logik ist in der Autonomiephase ungefähr so nützlich wie ein Regenschirm bei Windstärke acht.
Einmal habe ich mitten in so einem Moment schnell eine Freundin angerufen, nur damit Mila eine andere Stimme hört und sich vielleicht ablenkt. Es hat nichts gebracht. Sie hat kurz auf das Handy gestarrt, dann weitergebrüllt, und ich stand am Straßenrand mit einem Telefon in der einen und einem Brett-Kind in der anderen Hand, beides gleich schwer anzufühlen.
Inzwischen sage ich nur noch, was tatsächlich passiert: "Ich nehme dich jetzt hoch, wir müssen rüber." Keine Begründung, keine Verhandlung. Bei manchen Dingen – den nicht-verhandelbaren Grenzen, wie ich sie inzwischen für mich nenne – gibt es ohnehin nichts zu diskutieren, man geht sie einfach.
Allein mit einem Brett-Kind sieht jeder Blick anders aus
Beobachtungsdruck ist für mich kein abstraktes Wort mehr, seit ich so oft allein mit Mila unterwegs bin. Als Alleinerziehende ist so ein Moment doppelt anstrengend: Zu zweit kann einer tragen, während der andere die Einkaufstasche rettet oder die Haustür aufhält. Allein bin ich beides gleichzeitig, meistens schlecht.
Auf dem Elberadweg, mit Mila waagerecht unter dem Arm, habe ich mehr als einmal gedacht, dass Passanten mich für eine schlechte Entführerin halten müssen. Niemand sagt etwas, aber man spürt die Blicke trotzdem, diese kurze Musterung, bevor die Leute wieder auf ihr Handy schauen.
Perfekt muss an solchen Tagen niemand sein. Die meisten Eltern-Tipps zur sanften Begleitung scheitern an der reinen Physik, wenn man allein mit Einkaufstüten und einem kompletten Brett-Kind unterwegs ist. Manchmal ist das Ziel einfach, mit heiler Tasche und einem Kind, das nicht auf dem Asphalt gelandet ist, nach Hause zu kommen. Wer von Anfang an etwas mehr Struktur sucht, für den war das Elternförderprogramm bei mir ein echter Anker – drei Monate lang, einmal komplett von eins bis vier Jahren durchdacht, ohne dass hinterher noch ein teures Zusatzpaket nachgeschoben wird.
Woche 7 der Trotzphase: eine kleine Verschiebung
Letzte Woche, in der S-Bahn zurück von den Elbwiesen, ist etwas passiert, das ich fast übersehen hätte. Mila und ich haben uns mitten im Gedränge ein Lied ausgedacht, nur mit den drei Wörtern, die sie gerade am liebsten reimt, und keine von uns beiden hat geweint. Keine Eskalation, kein Brett, nur ein dummes kleines Lied zwischen zwei Haltestellen.
Ob das schon so etwas wie Co-Regulation war, wie manche das nennen, oder einfach nur Glück und ein müdes Kind – ich weiß es nicht genau. Aber es war der erste Moment seit Wochen, an dem ich auf dem Nachhauseweg nicht innerlich schon die nächste Eskalation durchgespielt habe.
So reagiere ich inzwischen öfter
Drei Dinge haben sich bei uns wirklich verändert, auch wenn keines davon zuverlässig ist. Zuerst nehme ich den Druck raus, sobald sie sich steif macht – ich setze sie ab, wenn das gerade möglich ist, atme selbst einmal durch und probiere es nach ein paar Sekunden mit einem anderen Griff, statt gegen das Brett anzukämpfen.
Kürzere Ansagen sind der zweite Punkt. Statt der langen Erklärung, warum wir jetzt gehen müssen, sage ich nur noch den einen Satz mit der Handlung dahinter. Drittens – und das ist vielleicht das Wichtigste – versuche ich, die Phase selbst nicht mehr persönlich zu nehmen. Dass sie steif wird, sagt nichts über meine Fähigkeiten als Mutter aus, auch wenn sich das an einem schlechten Tag anders anfühlt.
Und dann ist da noch die Gewaltfreien Kommunikation, die ich über die Methode namens Konfliktleichtigkeit kennengelernt habe – zehn Jahre ist der Anbieter dahinter schon am Markt, was mir ein bisschen Sicherheit gegeben hat, dass das kein Trend ist, der nächstes Jahr schon wieder verschwunden ist. Ich-Botschaften kommen mir immer noch nicht von selbst über die Lippen, das übe ich noch, aber am Esstisch, wenn nichts drängt, funktionieren sie inzwischen öfter als nicht. Mehr dazu auch in meinem Beitrag über Trotzphase mit 3 Jahren Tipps: Weniger Machtkämpfe durch Konfliktleichtigkeit.
Bleib dran, auch wenn heute nichts klappt
Abends, wenn Mila schon schläft, klopft manchmal meine Nachbarin Swantje Breuer kurz an und bringt ein paar Plätzchen vorbei, einfach so, ohne großen Anlass. An solchen Abenden merke ich, wie sehr es hilft, dass wenigstens eine Person im Haus nicht genervt ist von dem Gerenne über ihrem Kopf.
Später höre ich Mila durch die dünne Wand kurz schluchzen, und noch bevor ich die Teetasse abgestellt habe und bei ihr bin, ist es schon wieder still. Manchmal braucht es gar nicht mich, nur ein paar Sekunden.
Eine Leserin namens Ilse Koffler schreibt mir fast jeden Sonntag spätabends ein paar knappe Zeilen, meistens nur zwei oder drei Sätze. Letzte Woche stand da nur, dass ihre Zwillinge das Steifwerden genauso durchgemacht haben und dass es irgendwann einfach seltener wurde, ohne dass sie genau sagen konnte, warum.
Falls du gerade mit einem eigenen Brett-Kind unter dem Arm feststeckst: Das Einzige, was bei uns wirklich etwas verändert hat, war, aufzuhören zu erklären und stattdessen nur noch zu sagen, was gerade passiert, und es dann zu tun. Kein Vortrag, keine Verhandlung, nur der eine Satz und die Handlung dahinter. Mein ausführlicherer Bericht dazu, wie mir das Elternförderprogramm wieder Kraft gibt, steht für alle, die sich gerade ganz am Anfang fühlen. Der Tee ist kalt, Mila schläft, und morgen ist wieder ein neuer Versuch.