Was machst du, wenn dein Kind beschließt, dass der Mittagsschlaf ab sofort ausschließlich für Babys reserviert ist – und du selbst mitten in einem Kapitel steckst, das eigentlich schon gestern fertig sein sollte? Ich habe darauf bis heute keine wirklich gute Antwort, nur eine ziemlich lange Liste von Dingen, die bei uns in der Trotzphase nicht funktioniert haben, und ein paar wenige, die es doch tun.
Mila steckt gerade mitten in dieser Phase, in der Neinsagen sich anfühlt wie ihr Vollzeitjob. Seit ein paar Monaten läuft bei uns, was ich inzwischen nur noch Mittagsschlaf-Streik nenne – jeden Tag kurz nach eins die gleiche Verhandlung, mit unterschiedlichem Ausgang. Ich bin alleinerziehend, übersetze von zu Hause aus in Dresden-Neustadt, und diese eine Stunde am Mittag war früher so etwas wie ein stilles Versprechen: Zeit, in der ich Sätze bewegen konnte, ohne dass jemand dazwischenruft.
Das Versprechen ist geplatzt.
Warum kämpft Mila mitten in der Trotzphase so gegen den Mittagsschlaf?
Kein Elternförderprogramm der Welt hätte mich darauf vorbereitet, wie viel Widerstand in einem einzigen angezogenen Schuh stecken kann, geschweige denn in einer Bettdecke.
Was gerade passiert, hat einen Namen: die Autonomiephase, in der jedes Nein ein kleiner Freiheitskampf ist, auch wenn es nur um eine Bettdecke geht. Ich versuche mir dabei zu merken, dass hinter jedem Nein oft ein GFK-Bedürfnis steckt, das eigentlich nur übersetzt werden will, auch wenn ich in dem Moment selten Lust auf diese Übersetzungsarbeit habe. Wer die ganze Begriffssammlung dazu will, findet sie in meinem Glossar der Trotzphasen-Begriffe (Autonomiephase, Co-Regulation, Wutanfall …), hier reicht mir die Kurzfassung.
Es hätte an mehreren Nachmittagen leicht in einen waschechten Machtkampf kippen können, und an manchen ist es das auch geworden.
Mila zu verstehen fühlt sich manchmal an, als würde man eine fremde Sprache ohne Grammatik übersetzen – man ahnt die Bedeutung, aber die Regeln dahinter fehlen komplett, und man improvisiert von Satz zu Satz.
Das Eis-Versprechen, das nicht funktioniert hat
Vor einigen Wochen habe ich es mit Bestechung versucht. Wir waren im Alaunpark unterwegs, Mila wollte partout nicht zurück zur Wohnung, und ich habe ihr gesagt: Wenn du jetzt mitkommst und dich hinlegst, gibt es nachher Eis. Sie kam tatsächlich mit, bis genau vor die Wohnungstür, wo sie sich hinsetzte und erklärte, dass sie jetzt gar nichts mehr wolle. Kein Eis, kein Bett, gar nichts. Die Bestechung hatte den Weg nach Hause gerettet und den Rest des Nachmittags ruiniert.
Drinnen zog sie dann fast routiniert beide Socken aus und warf sie quer durchs Zimmer. Ich stand da, hielt die winzigen Baumwollsocken in der Hand und merkte, wie mir die Tränen kamen – nicht wegen der Socken, sondern weil ich mich in dem Moment einfach nur leer fühlte.
Meine eigene Erschöpfungsschwelle ist an solchen Nachmittagen erschreckend niedrig, niedriger, als ich vor der Trotzphase je gedacht hätte. Wie lange das alles noch dauern wird, weiß ich nicht, und ich habe irgendwann aufgehört, danach zu suchen – die Antworten darauf waren sowieso nie besonders tröstlich.
Die Leisezeit rettet unsere Nachmittage
Was uns tatsächlich rettet, ist die Leisezeit, unser Kompromiss zwischen ihrem Nein und meiner Deadline. Sie muss nicht schlafen, aber sie muss in ihrem Zimmer bleiben und sich still beschäftigen, mit Hörspiel oder einem neuen Puzzle. Ich erkläre ihr das inzwischen ziemlich nüchtern: dass ihr Körper eine Pause braucht, auch wenn ihr Kopf das gerade anders sieht.
Der Widerstand kommt bei uns fast immer beim Übergang, nicht beim Liegen selbst – sobald sie von einer Aktivität in die nächste soll, wird es laut.
Ihre Frustrationstoleranz ist mittags ohnehin bei null, das hat weniger mit Erziehung zu tun als mit einem übermüdeten Nervensystem, das gerade keine Kompromisse mehr aushandeln will.
Nebenan sitze ich an meinem wackligen Schreibtisch, zwischen Stapeln französischer Bücher und einem Notizblock, der nie ganz zuklappt, und versuche, einen Satz über Sehnsucht in etwas zu verwandeln, das auf Deutsch genauso klingt. Das Kallax-Regal daneben ist halb Wörterbücher, halb Bilderbücher, eine Aufteilung, die unser beider Leben gerade ziemlich genau zusammenfasst.
Was mir dabei hilft, hat mit Co-Regulation zu tun, mit dem Gedanken, dass sie sich eher an meiner Ruhe orientiert als an meinen Ansagen, auch wenn ich selbst dabei ständig kurz davor bin, die Geduld verlieren zu lassen.
Ich habe Ragna, eine befreundete Alleinerziehende aus dem Netzwerk hier in Dresden, neulich gefragt, ob das bei ihr auch so läuft. Sie kennt gefühlt jede Beratungsstelle der Stadt auswendig und hat mir, ohne lange zu überlegen, gleich drei Ansprechpartner genannt, dabei wollte ich eigentlich nur hören, dass ich nicht die Einzige bin.
Manchmal wird es plötzlich still hinter der Tür, viel zu still, und ich bekomme sofort dieses flaue Gefühl im Magen. Neulich habe ich die Klinke vorsichtig heruntergedrückt, bereit für Chaos, und fand sie stattdessen quer über dem Teppich liegend, tief eingeschlafen, ein Bein noch auf dem Teddy. Manchmal holt sich der Körper eben doch, was er braucht, ganz ohne Verhandlung.
Loslassen lernen, ohne die Kontrolle zu verlieren
In Woche zehn ist mir etwas aufgefallen, das ich fast verpasst hätte. Ich hatte gerade Nein gesagt, wegen einer Kleinigkeit mit der Küchenrolle, die sie durchs Wohnzimmer tragen wollte, und sie hielt kurz inne, sah mich an und stellte die Rolle einfach zurück. Kein Schreien, kein Hinwerfen. Nur ein kurzes Schulterzucken, als hätte sie selbst entschieden, dass sich der Kampf gerade nicht lohnt.
Edda, eine Leserin, die seit ein paar Monaten regelmäßig hier kommentiert, hat danach gefragt, was aus dem Eis-Versprechen eigentlich geworden ist. Sie fragt fast immer, was danach passiert, nicht nur, was schiefgelaufen ist. Die ehrliche Antwort: nichts Dramatisches. Am nächsten Tag haben wir einfach keine Bestechung mehr gebraucht, weil die Leisezeit inzwischen ihre eigene Routine hat.
Was ich daraus mitnehme, ist vielleicht das Einzige, was ich mit einiger Sicherheit sagen kann: Nicht jeder Versuch muss klappen, damit er sich gelohnt hat. Das Eis-Versprechen war kein Fehler, nur weil es einmal nicht funktioniert hat, genauso wenig wie ein missglückter Satz beim Übersetzen bedeutet, dass die nächste Fassung nicht trotzdem trifft. Man muss nur bereit sein, es noch einmal anders zu versuchen.
Der Tee neben mir ist wie üblich kalt geworden, draußen fällt das schräge Licht aus dem Hinterhof schon durch den Vorhang, und nebenan ist es still. Morgen wird sie mich vermutlich wieder mit einem Nein begrüßen, sobald ich nur das Wort Frühstück in den Mund nehme. Aber für heute reicht mir das: eine Wohnung in Dresden-Neustadt, in der gerade niemand mehr kämpft.