Warten lernen in der Trotzphase: Wie wir Geduld im Alltag spielerisch üben

2026.08.12
Kleinkind in der Trotzphase übt Warten und Geduld im Alltag einer alleinerziehenden Mutter in Dresden-Neustadt

Der Einkaufswagen bei REWE an der Königsbrücker Straße hat ein Rad, das bei jeder Kurve quietscht.

Vor mir stehen sieben Leute mit vollen Wagen, hinter mir sitzt Mila im Buggy und beginnt sich zu winden – die Beine erst, dann der ganze Oberkörper, bis der Gurt sich anfühlt wie eine Fessel. Im Kopf läuft nebenbei die Deadline für eine Übersetzung mit, zwanzig Normseiten, die sich nicht von selbst tippen, ganz gleich, wie lange wir hier stehen. Einen Trick, der Mila in so einem Moment sofort ruhig schaltet, habe ich nicht gefunden. Was hilft, sind eher kleinere Dinge, die sich im Alltag einer alleinerziehenden Übersetzerin in Dresden-Neustadt eingeschlichen haben, seit Geduld üben bei uns beiden zur täglichen Übung geworden ist – und weil danach immer wieder dieselben Fragen kommen, beantworte ich sie hier der Reihe nach.

Warum kann Mila nicht einfach warten?

Kinder in diesem Alter wollen möglichst viel selbst bestimmen, und eine Warteschlange ist für sie das genaue Gegenteil davon – sie steckt mitten in der Autonomiephase, in der jede fremdbestimmte Pause wie ein Angriff wirkt. Das hat auch mit dem Präfrontalen Cortex zu tun, der bei Dreijährigen einfach noch nicht so weit ist wie bei uns. Wer in der Gewaltfreien Kommunikation zu Hause ist, würde sagen, hinter dem Geschrei steckt ein unerfülltes Bedürfnis – im Supermarkt klingt das trotzdem erstmal nur wie Geschrei. Zu einem Machtkampf wird die Sache meistens erst, wenn ich selbst dagegenhalte, statt einfach abzuwarten. Und weil dieser Widerstand nicht nur beim Warten auftaucht, sondern auch morgens beim Anziehen, habe ich dazu extra etwas geschrieben: Kleinkind will Schuhe nicht anziehen.

Die Schlange bei REWE wird nicht kürzer

Die Frau vor uns lässt gerade jeden einzelnen Coupon separat scannen, und mein eigener Geduldsfaden wird dabei genauso dünn wie ihrer. Der Beobachtungsdruck an der Kasse macht es nicht leichter: Man spürt die Blicke der Leute hinter einem im Nacken, noch bevor das Kind überhaupt richtig losgelegt hat. Am wenigsten hilft es mir in solchen Momenten, wenn ich anfange, mich zu rechtfertigen oder alles lang und breit zu erklären – das kostet nur zusätzliche Energie, die ich für Mila bräuchte. Manchmal hilft nur, aus der Schlange auszusteigen, drei Minuten woanders hinzuschauen und sich neu anzustellen, auch wenn das erstmal nach Zeitverschwendung klingt.

Klebrige Fruchtriegel-Reste auf der Tastatur – Alltagsbild aus dem Leben einer alleinerziehenden Übersetzerin in der Trotzphase, Dresden-Neustadt

Der Buggy-Gurt hat nichts gebracht

Ich habe in genau so einer Situation einmal den Buggy-Gurt fester gezogen, in der Annahme, das würde Mila irgendwie erden. Sie hat sich nur stärker gewunden, bis der Gurt an der Schulter scheuerte und sie noch lauter wurde als vorher. Festhalten gegen den Widerstand verstärkt offenbar nur den Widerstand – das war die Lektion, die bei mir hängen geblieben ist, und keine besonders angenehme. Im Kern geht es bei alldem um Frustrationstoleranz, und die wächst bei einer Dreijährigen nicht über Nacht, egal wie fest man den Gurt zieht.

Kleine Rituale gegen die Ungeduld

Was inzwischen öfter funktioniert, ist eine kleine Sanduhr, die ich in der Wickeltasche trage und die genau drei Minuten läuft – ungefähr die Aufmerksamkeitsspanne, die Mila an guten Tagen aufbringt. Statt „Warte kurz" sage ich inzwischen: „Guck mal, wenn der Sand unten ist, schauen wir nochmal." Das macht die Zeit für sie greifbar, statt sie im Ungefähren hängen zu lassen. Manchmal singen wir außerdem ein selbst erfundenes Wartelied, das albern klingt und keinen tieferen Sinn hat, aber ihren Herzschlag beruhigt – und meinen gleich mit, was manche Co-Regulation nennen würden: Meine Ruhe wird zu ihrer, wenn es gut läuft. Der eigentliche Widerstand kommt bei ihr fast nie beim Warten selbst, sondern beim Übergang davor oder danach – wenn wir von einer Sache zur nächsten sollen, ähnlich wie morgens beim Anziehen, wo es ja auch eher um körperliche Autonomie geht als ums Trödeln.

Woran merkt man, dass sich etwas verschiebt?

Neulich ist bei REWE an der Königsbrücker Straße etwas passiert, das ich vorher für unmöglich gehalten hätte: Mila hat den Joghurtbecher selbst aufs Band gelegt, ohne dass ich sie darum gebeten habe, und wir sind ohne Szene wieder rausgegangen. Wie lange die ganze Phase insgesamt noch dauert, kann ich nicht sagen, und in dem Moment an der Kasse war mir das auch egal. Thea, eine Mutter aus Milas Kita-Gruppe, die ich manchmal am Tor treffe, erzählt bei jeder Gelegenheit ungefragt Katastrophengeschichten aus der Trotzzeit ihres Sohnes Felix – und jedes Mal hilft mir das mehr, als sie vermutlich ahnt, weil es zeigt, dass so ein Nachmittag bei REWE keine Ausnahme ist, die nur uns trifft. Nachmittags ist ohnehin fast alles schwieriger, weil sich über den Kita-Tag ein Anspannungsrückstau aufbaut, der beim Abholen dann rauskippt; wer da ähnliche Muster erkennt, findet mehr dazu in meinem Text über Abschiedsschmerz im Kindergarten. Meine eigene Erschöpfungsschwelle ist an solchen Tagen oft schneller erreicht als ihre, was ich ungern zugebe, aber so ist es.

Geduld üben, jeden Tag ein bisschen

Eine Nachbarin von mir lernt gerade mit einer App Portugiesisch, und wenn sie mir ganze Sätze vorspricht, bevor sie die Grammatik dahinter überhaupt verstanden hat, denke ich oft an Mila: Sie übt das Vokabular der Selbstbeherrschung, bevor sie die Regeln kennt, ungefähr so, wie ich als Übersetzerin manchmal ein Gefühl für einen Satz habe, bevor ich die Grammatik dahinter erklären könnte. Später am Schreibtisch vorm Sprossenfenster, wo der Hinterhof schon im schrägen Laternenlicht liegt und der Mokka in der Kanne kalt geworden ist, kommt mir das oft wieder in den Sinn. Geduld ist kein Ziel, das man einmal erreicht und dann abhaken kann, sondern eher wie eine Sprache, in der man ständig weiterlernt – auch mit vierunddreißig, auch nach Jahren mit Wörterbüchern. Was mir dabei hilft, ist genau diese Umstellung im Kopf, die ich vor einer Weile in einem Seminar zum Thema Trotzphase aufgeschnappt habe: nicht erwarten, dass Mila von selbst warten kann, sondern ihr helfen, die Zeit zu füllen, bevor das System überhitzt. Und wenn es doch wieder eskaliert, hilft mir manchmal der Blick in das, was ich über das Elternförderprogramm aufgeschrieben habe, um die eigene Seite davon besser zu verstehen.