
Der blaue Baustein trifft mich seitlich am Kopf, während ich auf allen Vieren unter dem Sofa nach dem zweiten Puppenschuh krame. Mila steht hinter mir, Arme verschränkt, und erklärt mir zum wiederholten Mal, dass sie das nicht „Aufräumen" nennt, sondern „Wegwerfen". Genau in diesem Moment merke ich: Diese Trotzphase testet nicht nur meine Geduld, sondern auch, wie viel Spielzeug wirklich in eine Dresdner Altbauwohnung passt, bevor der Boden komplett verschwindet.
Alleinerziehend mit einer Dreijährigen zu leben heißt für mich, dass nach jedem Kita-Feierabend eine zweite Schicht beginnt – diesmal als Aufräum-Vermittlerin zwischen einer kleinen Diktatorin und einem Wohnzimmer, das aussieht, als wäre eine Spielzeugkiste explodiert. Der Alltagsstress dabei ist selten die Unordnung an sich. Es ist die Verhandlung, die jedem einzelnen Gegenstand vorausgeht.
Warum Spielzeug-Ordnung für Mila eine Fremdsprache bleibt
Mir geht es damit täglich so. Ich übersetze tagsüber Sätze aus dem Französischen, aber „räum bitte auf" ist der einzige Satz, den ich einfach nicht verständlich hinbekomme – wie eine Übersetzung ohne Wörterbuch, bei der ich zwar jedes einzelne Wort kenne, aber die Grammatik dazwischen einfach keinen Sinn ergibt. Für ein Kind mitten in der Autonomiephase bedeutet Aufräumen offenbar nicht Ordnung, sondern Kontrollverlust – das Spiel ist vorbei, die eigene kleine Welt wird auseinandergenommen.
Aus der GFK kenne ich das Prinzip, hinter jedem Nein ein Bedürfnis zu suchen, und bei Mila ist es meistens das Bedürfnis, noch mitreden zu dürfen, wenn über ihre Sachen entschieden wird. Genau da überfordert Aufräumen auch ihre Frustrationstoleranz, weil die Aufgabe für sie riesiger wirkt, als die Geduld reicht, die sie gerade mitbringt.
Der Anruf, der nichts gebracht hat
Eine Freundin habe ich letzte Woche sogar per Videoanruf dazugeholt, weil ich dachte, eine andere Stimme, die „räum doch mal auf" sagt, hätte vielleicht mehr Gewicht als meine eigene. Ich hielt Mila das Handy hin, die Freundin fragte brav nach den Farben der Bausteine und baute extra Motivation ein.
Mila legte genau ein Auto in die Kiste, schob dann das Handy weg und sagte: „Ich will jetzt mit dir spielen, nicht telefonieren."
Der Trick war durchschaut, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Sobald eine dritte Person ins Spiel kommt, wird aus der Aufräum-Frage sofort eine Machtkampf-Dynamik – wer hier eigentlich bestimmt, was als Nächstes passiert.
Genau darüber, wie man solche Kämpfe von vornherein kleiner hält, habe ich vor einer Weile in meinem Text zur Konfliktleichtigkeit für Familien geschrieben – es geht nicht darum, den Kampf zu gewinnen, sondern ihn gar nicht erst zu eröffnen.
Was, wenn weniger Spielzeug das eigentliche Ziel ist?
Fast zwei Drittel von Milas Spielzeug wohnt inzwischen im Keller. Was übrig blieb, passt in drei Kisten mit ungefähr 11 Litern Fassungsvermögen, ganz gewöhnliche Boxen aus dem Baumarktregal. Eine für Autos, eine für Tiere, eine für Bausteine – „räum auf" versteht Mila nicht, „die Autos gehören in die blaue Kiste" versteht sie sofort.
Diese Regel habe ich vor allem für mich selbst eingeführt, nicht für sie. Meine eigene Erschöpfungs-Schwelle war erreicht, und jede Entscheidung, die Mila mir dabei abnimmt, ist eine, die ich abends nicht mehr treffen muss.
Die Kisten stehen dort, wo Mila ohne Stuhl drankommt – eine Idee, die ich lose bei der Montessori-Pädagogik abgeschaut habe, auch wenn ich weit davon entfernt bin, das System wirklich zu verstehen.
Wenn wir zusammen einräumen, sitze ich auf dem Boden statt zu kommandieren. Das ist Co-Regulation in Reinform, auch wenn ich das Wort selten laut benutze, während der blaue Baustein zum dritten Mal danebenfliegt.
Ein Lied in der S-Bahn, kein Weinen
Woche 7 dieser Phase brachte einen Moment, den ich beinahe verpasst hätte. Wir saßen in der S-Bahn Richtung Neustadt, Mila quengelte wegen ihrer Jackenknöpfe, und statt zu diskutieren, machte ich aus dem Quengeln eine Melodie – eine Zeile über die Jacke, die partout nicht zugehen wollte.
Mila stieg sofort ein. Wir erfanden im Wechsel neue Strophen, bis die Bahnhofsdurchsage uns unterbrach.
Kein Weinen. Kein Nein.
Nur zwei Leute, die Quatschreime bauen, während draußen der Bahnsteig vorbeizieht.
Abends, wenn ich die Zimmertür einen Spalt offenlasse, dringt manchmal ein kurzes, gedrücktes Weinen heraus und verstummt wieder, noch bevor ich auch nur einen Schritt in Richtung ihres Bettes gemacht habe. Das reicht mir inzwischen als Zeichen, dass sie es auch allein schafft, sich zu beruhigen.
Neulich klopfte Swantje aus dem ersten Stock kurz an, eine Dose Plätzchen in der Hand, und meinte nur, es rumpele heute Abend „friedlicher" über ihr als sonst. Als Nachbarin ohne eigene Kinder beschwert sie sich nie, aber jede Veränderung im Lärmpegel bemerkt sie sofort.
Wird das jemals leichter?
Manchmal schubst Mila mich beim Aufräumen wütend weg, weil sie es unbedingt allein schaffen wollte. Dann denke ich an das, was ich mal über die Autonomiephase ohne Stress zu begleiten geschrieben habe, auch wenn „ohne Stress" an manchen Abenden ziemlich optimistisch klingt.
Ilse, eine Leserin, die mir sonntags spätabends fast immer ein paar Zeilen schreibt, hat mir kürzlich erzählt, dass ihre Zwillinge die schlimmste Zeit der Trotzphase inzwischen hinter sich haben. Das war die erste ehrliche Antwort auf die Frage nach der Trotzphase-Dauer, die ich seit Monaten bekommen habe: Es hört nicht plötzlich auf, es wird über Wochen hinweg einfach ein bisschen weniger.
Am Nachmittag laufen Mila und ich oft an den Elbwiesen am Elberadweg entlang, wo außer Enten und Radfahrern nichts im Weg liegt. Dort fällt mir jedes Mal auf, wie viel leichter die Welt draußen ist als unser Wohnzimmerboden.
Die Lektion aus diesen Wochen ist eigentlich simpel, auch wenn ich sie mir ständig neu einreden muss: Nicht das Kind muss lernen, mit der ganzen Unordnung fertigzuwerden, sondern das System drumherum muss kleiner werden, bis es zur Geduld passt, die gerade da ist. Weniger Kisten, klarere Grenzen, eine Aufgabe nach der anderen – das gilt vermutlich für Dreijährige genauso wie für erschöpfte Übersetzerinnen um Mitternacht.