Dreiundvierzig Monate alt ist Mila gerade – nicht drei Jahre, nicht knapp vier, sondern genau dreiundvierzig, weil ich seit dieser Phase angefangen habe, in Monaten statt in Jahren zu rechnen, so wie man einen Satz manchmal Wort für Wort nachprüft, statt dem ganzen Satz einfach zu vertrauen. Diese Zahl erklärt mehr über die Trotzphase und das ewige Warum als jede Altersangabe in Jahren je könnte: Die Sprache wächst gerade explosionsartig, der Wille wächst mit, und aus beidem zusammen entsteht ein Mensch, der jede meiner Erklärungen sofort mit einem neuen Warum kontert.
Als alleinerziehende Mutter höre ich diesen Unterschied inzwischen im Ton meiner eigenen Stimme, lange bevor ich ihn in Worte fassen kann.
Der Trick, den ich mir angewöhnt habe, ist simpel: Ich achte nicht mehr auf den Inhalt der Frage, sondern darauf, was direkt danach passiert.
Warum-Phase und Trotzphase: zwei unterschiedliche Baustellen
Fachlich betrachtet sind das zwei verschiedene Baustellen, auch wenn sie bei uns meistens gleichzeitig einstürzen. Die Trotzphase speist sich aus Autonomie und Frustration – Mila will etwas selbst tun oder durchsetzen und schafft es gerade nicht. Die Warum-Phase dagegen ist Sprache und Verbindung: ein Test, ob ich noch da bin, noch zuhöre, noch antworte, selbst wenn die Frage zum zehnten Mal kommt.
Was mir dabei hilft, ist weniger die Antwort auf die Frage als das Bedürfnis dahinter zu erkennen – eine GFK-Denkweise, die ich mir angewöhnt habe, ohne sie hier im Detail auszubreiten.
Echte Fragen und Rückrufe unterscheiden
Drei Dinge prüfe ich mittlerweile, bevor ich überhaupt antworte. Erstens: Schaut sie mich dabei an, oder redet sie eigentlich zum Fenster hinaus, während sie mit den Bauklötzen spielt. Zweitens: Kommt exakt die gleiche Frage zurück, obwohl ich sie gerade erst beantwortet habe – das ist meistens kein Informationsbedürfnis mehr, sondern Verbindungssuche. Drittens: Passiert es genau dann, wenn ich selbst gedanklich abwesend bin, mitten in einem Satz meines französischen Manuskripts zum Beispiel. Treffen zwei von drei zu, antworte ich nicht mehr mit Fakten, sondern mit Nähe.
Sobald ich stattdessen mit Erklären dagegenhalte, kippt die Situation schnell in eine Machtkampf-Dynamik, die bei uns beim Essen genauso zuschlägt wie beim Schuhe anziehen.
Wir landen oft in ähnlichen Szenen, wenn das Kleinkind die Schuhe nicht anziehen will und der Weg vor die Tür zur Grundsatzdebatte wird.
Wie ich die Autonomiephase begleite, ohne sie zu bekämpfen
Heute Morgen hat sie sich beide Schuhe allein angezogen, den linken auf dem rechten Fuß, und stand so stolz im Flur, dass ich keine Sekunde daran gedacht habe, es zu korrigieren. Vieles davon ist schlicht Autonomiephase – der Drang, alles selbst zu machen, ganz gleich, ob es passt.
Aus Schuhen werden bei uns inzwischen öfter Weltraumstiefel und aus dem Weg zum Auto eine Mission zum Mond – Mila hört auf zu verhandeln, sobald es nichts mehr zu verhandeln gibt, nur noch etwas zu spielen. Diese Umdeutung ist bei uns keine Ausnahme mehr, sondern die Regel, zu der ich zurückkehre, wann immer eine einfache Ansage nicht reicht.
Am größten ist der Widerstand bei uns nicht beim Nein, sondern beim Übergang von einer Sache zur nächsten – etwa wenn wir aus der Kunsthofpassage nach Hause wollen und die bunten Hinterhöfe für Mila offensichtlich interessanter sind als der Heimweg.
Muttersein fühlt sich in solchen Momenten an wie Übersetzen aus einer Sprache, für die noch kein Wörterbuch existiert – man rät, korrigiert, rät neu. Ihre Frustrationstoleranz ist an manchen Tagen kleiner als eine Erdnuss, an anderen überraschend groß, und ich habe aufgehört, darin ein Muster zu suchen. Was am Ende trägt, ist die Eltern-Kind-Bindung, nicht die perfekt sitzende Erklärung.
Logik zieht an dieser Stelle selten, weil ihr Präfrontaler Cortex schlicht noch nicht so weit ist – mehr Mechanik will ich dazu hier nicht auswalzen, das würde uns beide nur ermüden. Wenn wir stattdessen an der Kommunikation im Alltag arbeiten statt am Argument, kommen wir meistens schneller wieder zueinander.
Wenn Erklären nicht reicht
Neulich habe ich zurückgebrüllt, laut und unschön, statt eine der Techniken oben anzuwenden. Danach habe ich tagelang ein schlechtes Gewissen mit mir herumgetragen, obwohl Mila selbst es offenbar schneller vergessen hatte als ich.
Genützt hat das Brüllen nichts, außer dass wir am Ende beide heiser waren.
Meine eigene Erschöpfungsschwelle ist an solchen Tagen früher erreicht, als mir lieb ist – Henrike, meine Freundin aus dem Romanistik-Studium, hat mir danach nur trocken geschrieben, dass ich ihr diese Geschichte schon einmal genauso erzählt hätte, woran ich mich selbst gar nicht mehr erinnerte.
Was am Ende bleibt
Wichtiger als jeder kluge Satz ist offenbar meine eigene Ruhe – der Punkt, an dem ich weniger oft die Geduld verliere, hat mit Co-Regulation zu tun, nicht mit Argumenten.
Wie lange diese Phase insgesamt noch dauert, weiß ich nicht, und das beschäftigt mich gerade weniger als die Frage, wie wir beide heute Abend gut durch die letzte Runde Zähneputzen kommen.
Neben mir auf dem Tisch hat der Tee längst einen hellen Ring auf dem Untersetzer hinterlassen, weil ich wieder vergessen habe, ihn zu trinken, solange er noch warm war. Genau das ist im Moment meine ehrlichste Antwort auf die Warum-Frage: nicht die perfekte Erklärung, sondern die Bindung, die übrig bleibt, wenn der Tee kalt und die Fragen noch offen sind.