
Drei Jahre und sieben Monate alt ist Mila, und trotzdem klingt sie manchmal wie ein cholerischer Nachbar nach einem harten Tag. Woher genau die Worte kommen, weiß ich nicht immer – der Kindergarten vermutlich, oder einfach das echte Leben, das um sie herum passiert und das sie aufsaugt wie ein Schwamm. Wie ich darauf reagiere, weiß ich inzwischen ziemlich genau: Ich versuche, der Provokation die Energie zu nehmen, bevor sie sich hochschaukeln kann, mitten in dieser Trotzphase, statt sie mit einer großen Reaktion erst richtig zu füttern.
Wir wohnen mit Mila mitten in der Dresdner Neustadt, zwischen Spätis und Kneipenlärm, und diese Art Provokation gehört inzwischen so selbstverständlich zum Alltag wie der kalte Tee, den ich abends nie ganz austrinke. Alleinerziehend heißt für mich auch: Niemand übernimmt kurz, wenn ein Kraftausdruck durch den Hausflur hallt.
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Schimpfwörter als Test, nicht als Angriff
Mila ist jetzt drei Jahre und sieben Monate alt, seit ungefähr zwei Monaten mitten in dieser Trotzphase, in der jedes zweite Wort ein Nein ist und jedes dritte ein neues Schimpfwort. Als Übersetzerin verbringe ich meine Arbeitstage mit fein abgewogenen Sätzen aus dem Französischen, und dann steht meine Tochter im Flur und ruft mir ein Wort entgegen, das in keinem Wörterbuch, das ich kenne, so gemeint ist wie sie es gerade benutzt.
Sie testet nicht, ob das Wort an sich mächtig ist, sondern meine Reaktion darauf. Hebe ich erschrocken die Stimme, entgleist mir kurz das Gesicht, halte ich eine ganze Standpauke – dann hat das Wort sofort geliefert, und zwar genau das, wonach ein dreijähriges Gehirn gerade sucht: volle, sofortige Aufmerksamkeit. Man könnte das Reaktionsverstärkung nennen. Je größer meine Reaktion ausfällt, desto zuverlässiger taucht das Wort beim nächsten Mal wieder auf, weil es beim letzten Mal funktioniert hat – die Provokation wird quasi durch meine eigene Antwort belohnt. Für mich war das der eigentliche Dreh- und Angelpunkt: nicht die Frage, wie ich ihr das Wort abgewöhne, sondern wie ich aufhöre, es unabsichtlich zu belohnen. Seit ich versuche, möglichst wenig Gesicht zu zeigen, wenn ein Kraftausdruck fällt, werden die Wiederholungen weniger – nicht sofort, aber spürbar über die Wochen.
Dazu kommt, dass eine Dreijährige kaum Impulskontrolle hat – das Wort ist raus, bevor sie es zurückhalten könnte, ganz ohne bösen Plan dahinter. Diese Autonomiephase, in der sie gerade steckt, testet eben nicht nur mit Schuhen und Jacken, sondern inzwischen auch mit Sprache, und im Kern ist es eine kleine Machtkampf-Dynamik: wer bestimmt gerade, welche Worte hier gelten dürfen. Klassische Elternberatung habe ich mir dafür nie geholt, eher Try-and-Error am Küchentisch, spät abends, mit dem Handy in der einen und der Teetasse in der anderen Hand.
Warum hilft es nicht, ihr alles genau zu erklären?
Vor ein paar Wochen waren wir an den Elbwiesen am Elberadweg, die Sonne ging schon runter, und ich wollte einfach nach Hause. Ausführlich habe ich ihr erklärt, warum wir jetzt gehen müssen – der Bus, das Abendessen, die Uhrzeit, alle vernünftigen Gründe der Welt in einem einzigen Monolog. Je länger ich redete, desto lauter wurde ihr Widerstand, bis sie mir ein Wort entgegenschleuderte, das ich hier nicht wiederhole. Meine Erklärung hat rein gar nichts gebracht, im Gegenteil, sie hat die Situation eher noch aufgeheizt. Übergänge im Alltag mit Kleinkind meistern klingt in der Theorie so einfach, und trotzdem ist der Moment des Aufbrechens für sie offenbar der schwierigste Moment überhaupt – so etwas wie Übergangs-Widerstand, würde ich das inzwischen nennen.
An diesem Abend war meine eigene Erschöpfungsschwelle längst überschritten, und das hat die Sache sicher nicht leichter gemacht. Ruhig bleiben kann ich nur, wenn ich selbst nicht schon am Anschlag bin – so etwas wie Co-Regulation, erst werde ich ruhig, danach irgendwann auch sie, nicht andersherum.
Acht Wochen später: Was sich wirklich verändert hat
Im Bioladen um die Ecke ist mir neulich fast dasselbe passiert wie im Sommer immer wieder, nur ohne die Eskalation danach. Der Wagen war voll, ich hatte die falschen Nudeln gegriffen, und ein Wort flog mir entgegen, das die Frau an der Kasse betont überhört hat. Dieser Beobachtungsdruck, die Blicke im Nacken, macht solche Momente als Alleinerziehende noch mal schwerer, weil niemand neben mir steht, der kurz übernimmt. Einkaufen mit Kleinkind stressfrei gestalten ist eine Sache, aber ruhig bleiben, wenn fremde Menschen zuschauen, eine ganz andere.
Acht Wochen nach dem ersten Nein-zu-allem merke ich den Unterschied vor allem in kleinen Momenten. Auf einer S-Bahn-Fahrt neulich, auf dem Rückweg, ist Mila drauf und dran, wieder loszupoltern, und wir landen stattdessen bei einem gemeinsamen Unsinnsreim, ganz ohne Tränen bis zur Haustür. Manchmal höre ich sie abends auch noch kurz weinen, gedämpft durch die geschlossene Zimmertür, und bevor ich überhaupt aufstehen kann, ist es schon wieder still – früher wäre ich sofort hingelaufen, mit einer Standpauke im Kopf schon fertig formuliert.
Einen Anteil daran hat sicher auch das Trotzphase Videoseminar, auf das ich an einem Sonntagabend gestoßen bin, spät, mit dem üblichen kalten Tee neben der Tastatur. Achtundzwanzig Minuten, genau die Zeit zwischen zwei ihrer Aufwachphasen, und das Seminar gibt es schon seit 8,7 Jahren, was mir irgendwie Sicherheit gegeben hat – ein Anbieter, der nicht über Nacht verschwindet. Tiefe darf man sich davon aber nicht erwarten, eher einen ersten Schubser in die richtige Richtung, und wenn Mila mittendrin tobt, hilft einem das Video in dem Moment selbst herzlich wenig.
Die Methode, die inzwischen wirklich hilft
Was inzwischen öfter funktioniert, sind Ich-Botschaften statt Vorwürfe, auch wenn die einem nicht einfach so aus dem Mund fließen, wenn man gerade Tomatensoße von der Wand wischt. Die Gewaltfreie Kommunikation ist dabei mein wichtigster Anker geworden – hinter jedem Kraftausdruck steckt offenbar ein Bedürfnis, das noch keinen anderen Ausdruck gefunden hat, das ist so ungefähr der Kerngedanke dahinter. Frustrationstoleranz hat eine Dreijährige eben noch nicht die, die sie mit sechzehn haben wird, und wie lange diese Phase insgesamt dauert, weiß ich nicht und will es inzwischen auch gar nicht mehr genau wissen.
Konkret nutze ich seit einigen Wochen Ansätze aus Konfliktleichtigkeit für Familien, einem Programm, das auf einer schon zehn Jahre alten Methode aufbaut – ein Anbieter, der nicht morgen wieder vom Markt verschwindet, war mir wichtig. Sprache wird darin als Werkzeug behandelt statt als etwas, von dem man sich einfach treffen lässt, und genau das brauchte ich gerade. Meine Freundin Henrike hat mir letzte Woche übrigens einfach ein Buch geschickt, ganz ohne Zeile dazu – manchmal ist das genauso hilfreich wie jede Methode.
Verschwunden sind die Provokationen dadurch nicht, das wäre gelogen. Gestern erst stand ich wieder kurz davor, laut zu werden. Geblieben ist trotzdem eine Sache, die ich jetzt mitnehme, egal was als Nächstes aus ihr herausplatzt: Meine Reaktion ist keine Pflichtübung, sie ist eine Wahl, und je kleiner ich sie halte, desto schneller ist die Sache vorbei. Wenn du selbst gerade an diesem Punkt bist, wo jedes Wort wie ein Angriff wirkt, wirf ruhig mal einen Blick auf das Trotzphase Videoseminar – kein Wundermittel, aber ein kleiner, machbarer erster Schritt.