Kind will nicht aus der Badewanne: Strategien für den Übergang zum Schlafengehen

2026.07.10
Trotzphase am Abend: Kind sitzt in der Badewanne und will nicht heraus

Der Sand in der kleinen Sanduhr auf dem Wannenrand ist längst durchgelaufen, aber Mila taucht ihre Plastikente zum siebten Mal unter und schaut mich dabei an, als hätte ich gerade etwas Ungeheuerliches vorgeschlagen. Das Wasser ist lauwarm, meine Knie sind kalt von den Fliesen, und ich weiß schon vor dem ersten Wort, dass der Ausstieg aus der Wanne heute wieder zäher wird als das Baden selbst.

Dieser eine Übergang – Wasser raus, Handtuch um, Richtung Bett – ist mitten in dieser Trotzphase fast täglich der Moment, an dem der ganze Abendroutine-Frieden kippt, und darin steckt für mich auch ein Stück Autonomiephase: Mila will nicht bloß nicht raus, sie will entscheiden, wann. Als alleinerziehende Mutter erlebe ich das ohne eine zweite Person, die mir schnell die Ente abnimmt, während ich das Handtuch hole. Was folgt, sind ein paar Tipps für Eltern, die genau in diesem einen Moment feststecken – und vor allem die Erkenntnis, dass es nicht die eine richtige Methode gibt, sondern zwei ziemlich unterschiedliche, je nachdem wie der Tag gelaufen ist.

Wenn die Wanne zur Trotzburg wird

Ich knie auf den kalten Fliesen unserer Altbauwohnung, und der Erdbeer-Duft von Milas Kindershampoo hängt schwer in der feuchten Luft. Sie hat sich gerade offiziell erklärt: für immer bleibt sie hier wohnen, mit Ente und Becher, das Handtuch kann warten. Es erinnert mich an eine Szene vor ein paar Wochen in der Kunsthofpassage, als ich versucht habe, den Buggy-Gurt enger zu ziehen, während sie sich wie ein nasser Fisch gewunden hat – auch damals hat reiner Kraftaufwand nichts gebracht, nur mehr Gegenwehr. Zwang funktioniert bei einer Dreijährigen ungefähr so gut wie ein auswendig gelerntes Verb ohne Kontext: Es sitzt einfach nicht, wenn man es braucht.

Erdbeer-Kindershampoo am Badewannenrand als Teil der abendlichen Trotzphase-Routine

Warum der Ausstieg schwerer wiegt als das Baden selbst

Das Baden selbst ist nie das Problem. Das Problem ist der Wechsel danach.

Der Übergang von warmem Wasser ins Bett bündelt zwei Wechsel auf einmal – weg vom Element, weg vom Spiel –, deshalb kippt es hier besonders oft, öfter als bei anderen Abschieden am Tag. Genau wie beim Essen wird daraus schnell ein Machtkampf, wenn ich nur auf die Uhrzeit schaue statt auf das, was dahintersteckt. Gewaltfrei formuliert steckt hinter dem Nein meistens ein Bedürfnis nach Kontrolle, nicht nach mehr Badewasser – und ihre Frustrationstoleranz ist um diese Uhrzeit ungefähr so dünn wie das Wasser kalt wird. Wer tiefer in solche Begriffe eintauchen will, findet im Glossar der Trotzphasen-Begriffe (Autonomiephase, Co-Regulation, Wutanfall …) mehr dazu.

Die harte Grenze: Ansage, Sanduhr, raus

Die erste Strategie ist die direkte: Ich kündige das Ende an, die Sanduhr läuft, und wenn der Sand unten ist, ziehen wir den Stöpsel – ohne erneut zu verhandeln. Der Vorteil liegt auf der Hand: Sie funktioniert schnell, sie funktioniert auch an Abenden, an denen ich selbst keine Geduld mehr für Rituale übrighabe, und sie gibt Mila eine Grenze, die nicht von meiner Laune abhängt, sondern von etwas Sichtbarem – vom Sand, nicht von mir. Der Nachteil ist genauso klar: Steckt sie gerade mitten in einem Spiel, das ihr wirklich wichtig ist, fühlt sich die Grenze trotzdem wie ein Abbruch an, egal wie sichtbar die Sanduhr ist.

Sanduhr am Wannenrand als visuelles Signal für den Übergang zum Schlafengehen

Das Bad als ersten Teil der Abendroutine behandeln

Mehr Zeit braucht die zweite Strategie, dafür weniger Widerstand: das Baden nicht als Vorstufe zum Schlafen zu behandeln, sondern als dessen ersten Teil. Statt „Jetzt ist Schluss" sage ich eher „Wir gehen jetzt zum nächsten Teil vom Schlafengehen über" – das warme Wasser bleibt in ihrer Wahrnehmung nicht einfach hinter uns zurück, es geht in die Kuscheldecke über. Dazu gehört eine kleine Wahl am Ende: das blaue Handtuch mit den Walen oder das rote mit den Sternen, auf meinem Arm springen wie ein Seehund oder selbst ins Handtuch schlüpfen wie eine Meerjungfrau. Die Entscheidung bleibt klein und trotzdem ihre.

Zwei Kinderhandtücher zur Auswahl als kleine Entscheidungsfreiheit in der Autonomiephase

Eine Freundin von mir lernt gerade mit einer App Portugiesisch, fünf Minuten am Abend, nie mehr, nie eine Ausnahme – der Trick sei nicht Disziplin, sagt sie, sondern dass es sich nie wie eine neue Aufgabe anfühlt, sondern wie die Fortsetzung von etwas, das schon läuft. Bei Mila ist die zweite Strategie genau das: keine neue Aufgabe namens Bettzeit, sondern die Fortsetzung von etwas, das im Wasser schon begonnen hat.

Wann kippt welches Modell?

Keines von beidem funktioniert immer, das muss ich klar sagen. Gestern zum Beispiel flog die Sanduhr kurzerhand ins Wasser, es gab Geschrei, und ich war drauf und dran, selbst lauter zu werden – meine eigene Erschöpfungsschwelle war an dem Abend längst erreicht, bevor Mila überhaupt in die Wanne stieg. In solchen Momenten hilft mir am ehesten, was ich in einem anderen Eintrag beschrieben habe: Geduld verlieren kann mit meinem Kleinkind in der Trotzphase ist ein Thema für sich, aber die Kurzfassung ist: Co-Regulation heißt nicht, dass ich ruhig bleibe, sondern dass ich nach der Eskalation die Erste bin, die sich wieder beruhigt.

Wenn ich es auf eine Faustregel bringen müsste: Die harte Grenze mit Ansage und Sanduhr passt an Abenden, an denen die Zeit wirklich knapp ist oder meine eigene Geduld schon dünn ist – ein sichtbares Signal wie der Sand braucht keine Energie von mir. Das Ritual mit Wahlmöglichkeit passt, wenn noch etwas Puffer da ist und Mila selbst gerade viel Widerstand zeigt – dann lohnt sich die zusätzliche Zeit, weil sie den Unterschied zwischen Verlieren und Mitentscheiden spürt. Wie lange diese ganze Phase insgesamt noch dauert, weiß ich nicht, aber welches der beiden Modelle an einem Abend zieht, merke ich inzwischen ziemlich schnell an ihrer Stimme, noch bevor das Wasser kalt wird.

Was am Ende bleibt

Erziehung fühlt sich für mich oft an wie das Übersetzen eines Textes ohne Wörterbuch – man tastet sich vor, verwirft Wörter wieder und hofft, dass der Sinn am Ende stimmt. Ein Wutanfall in Bus und Bahn ist dabei nach wie vor die unangenehmere Variante, weil die halbe Neustadt zuschaut. Im Badezimmer sind wir wenigstens unter uns.

Abgedunkeltes Kinderzimmer mit Bilderbuch als letzter Schritt der Abendroutine nach dem Baden

Am Kita-Tor stand neulich Thea, deren Sohn Felix mit seinen fünf Jahren die Trotzphase längst hinter sich hat, und sagte nur, ohne dass ich sie nach einem Rat gefragt hätte: Das hört auf, auch wenn es sich gerade nicht danach anfühlt. Ich hätte ihr fast widersprochen.

Noch am selben Morgen hatte Mila sich zum ersten Mal allein die Schuhe angezogen, links auf rechts vertauscht, aber mit einem Stolz, der bis in die Zehenspitzen reichte.

Später, wenn Mila schläft, setze ich mich an den Schreibtisch am Sprossenfenster, wo der Notizblock schon aufgeschlagen liegt neben dem Stapel französischer Bücher, und das Laternenlicht aus dem Hinterhof fällt schräg durch den Vorhang. Die Mokkakanne ist wieder kalt, bis ich überhaupt dazu komme, sie zu trinken. Nur der Kühlschrank tickt sein leises Summen durch die Wohnung, das einzige Geräusch, das übrig bleibt, wenn eine Dreijährige endlich schläft.