
Ein Wutanfall im Wohnzimmer hat vier Wände, einen Teppich zum Draufwerfen und keine Zuschauer. Ein Wutanfall in der vollen Straßenbahn hat nichts von alldem – nur Haltestangen, fremde Blicke und eine Tür, die erst an der nächsten Station wieder aufgeht. Für Eltern mitten in der Trotzphase ist genau dieser Unterschied das eigentliche Problem, nicht der Wutanfall selbst.
ÖPNV mit Kind: Warum Bus und Bahn andere Regeln haben
Als Alleinerziehende ohne Auto bin ich in Dresden-Neustadt jeden Tag auf die DVB angewiesen, eine Alternative zum Ausweichen gibt es nicht.
Mehr Begriffe wie Co-Regulation oder Wutanfall sammle ich nach und nach in meinem Glossar der Trotzphasen-Begriffe (Autonomiephase, Co-Regulation, Wutanfall), falls jemand nach dem passenden Wort für den eigenen Wagon-Moment sucht.
Die Autonomiephase, in der Mila gerade steckt, sucht sich im Gedränge der Straßenbahn die denkbar schlechteste Bühne, um zu üben, wer sie ist und was sie bewirken kann.
Der Eltern-Alltag zuhause hat Rückzugsorte – ein Zimmer, in das man gehen kann, eine Tür, die zugeht. Die Straßenbahn hat keinen von beiden, nur Beine, Haltestangen und die Frage, wie viele Stationen es noch sind. Noch dazu kommt: Aussteigen ist keine Option, solange die Bahn fährt – das allein erhöht den Druck spürbar, verglichen mit jeder Situation zuhause. Sobald ich anfange, lang zu erklären, warum der Knopf schon gedrückt ist, kippt die Sache meistens in eine Machtkampf-Dynamik, aus der niemand als Sieger aussteigt.
Ihre Frustrationstoleranz ist an manchen Tagen kürzer als die Strecke bis zur nächsten Haltestelle, und hinter dem Geschrei steckt fast immer ein GFK-Bedürfnis, das noch keine Worte hat – meistens: gesehen werden, bevor jemand anderes schneller war.
Vorbereitung, die vor der ersten Störung beginnt
Zeitlicher Puffer ist die am meisten unterschätzte Vorbereitung überhaupt. Wenn wir hetzen, überträgt sich meine Anspannung sofort auf Mila, und jede kleine Reibung eskaliert schneller. Früher als nötig an der Haltestelle zu sein verändert spürbar, wie die ersten Sekunden im Wagon laufen.
Der Übergangs-Widerstand fängt bei uns oft schon beim Einsteigen an, nicht erst beim Warten – deshalb gebe ich Mila inzwischen lieber eine kleine, echte Aufgabe, bevor sie sich selbst eine sucht, die gerade nicht passt.
Was bei uns nachweislich nicht funktioniert: mitbrüllen. Einmal habe ich mitten im Wagon zurückgeschrien, weil mir die Nerven durchgegangen sind, und danach tagelang ein schlechtes Gewissen mit mir herumgetragen. Mitbrüllen bringt für ein paar Sekunden das Gefühl, wieder Kontrolle zu haben, aber es verstärkt bei Mila nur die Eskalation. Gebracht hat es sonst nichts, außer meinen eigenen Puls in die Höhe zu treiben.
Aussteigen ist klüger als Durchhalten
Meine Faustregel inzwischen: Fängt Mila sich nach ungefähr einer Minute nicht wieder, steigen wir an der nächsten Haltestelle aus, egal wo wir gerade sind. Durchhalten um jeden Preis bringt niemandem etwas, am wenigsten den anderen Fahrgästen.
Wenn die Bahn zu voll ist oder die Situation zu festgefahren, laufen wir lieber ein Stück an den Elbwiesen am Elberadweg entlang, auch wenn das mit Buggy und Einkaufstasche zehn Minuten länger dauert.
Ich höre inzwischen jedes leise Knacken im Flur, bevor ich überhaupt richtig wach bin – die eigene Erschöpfungs-Schwelle rückt in dieser Phase näher, als mir lieb ist, und genau deshalb spare ich mir Kraft lieber für den Ausstieg als für einen aussichtslosen Kampf.
Mitten im Ausbruch: was wirklich hilft
Im Bus, unter fremden Blicken, ist Co-Regulation am schwersten – und genau da entscheidet meine eigene Ruhe fast alles. Manchmal hilft es, sich nachdem man die Geduld verloren hat einfach einzugestehen, dass der Plan für diese Fahrt gerade nicht aufgeht.
Ich setze mich daneben, halte ihre Hand, wenn sie es zulässt, und lasse den Ausbruch einfach laufen, statt ihn sofort abwürgen zu wollen. Wird der Stress sofort unterdrückt, staut er sich meistens nur für die nächste Fahrt.
In der S-Bahn haben wir letztens auf einmal ein Lied erfunden, irgendwas mit Hasen und der Elbe, und zur eigenen Überraschung blieb die ganze Fahrt tränenfrei.
Als ich Henrike danach davon erzählt habe, hat sie keinen einzigen Ratschlag gegeben, sondern einfach zugehört, bis ich fertig war – das war fast hilfreicher als jeder Tipp.
Wie lange diese ganze Phase noch dauert, ist eine andere Frage, die ich hier nicht beantworte.
Was am Ende bleibt
Am Ende bleibt keine einzelne Lösung, sondern ein Ablauf: Puffer einplanen, eine kleine Aufgabe anbieten, bei echter Eskalation konsequent aussteigen, und während des Ausbruchs möglichst wenig reden. Am wichtigsten ist wahrscheinlich der erste Punkt: Ohne Puffer beginnt jede Fahrt bereits im Rückstand, und aus einem Rückstand wird im Gedränge schneller ein Wutanfall als zuhause. Kein Trick funktioniert jedes Mal, aber dieser Ablauf hat die schlimmsten Fahrten inzwischen spürbar seltener gemacht.