
Ich halte eine Tüte Kartoffeln in der einen Hand und versuche mit der anderen, Milas Finger von der Kirschkiste auf dem Wochenmarkt am Alaunplatz zu lösen – da kommt es schon wieder, laut genug für den ganzen Käsestand: das eine Wort, mit dem sie mitten in dieser Trotzphase inzwischen jeden zweiten Satz beginnt. Nein.
Bevor es weitergeht, kurz das Nötigste: Dieser Text enthält Affiliate-Links. Kaufst du über einen davon etwas, bekomme ich eine kleine Provision, an deinem Preis ändert sich nichts. Ich schreibe hier nur über Programme, die ich als alleinerziehende Mutter tatsächlich selbst ausprobiert habe, meistens spät abends, wenn Mila endlich schläft. Die vollständige Offenlegung findest du auf der Über-mich-Seite.
Was mich an diesem Wort inzwischen mehr beschäftigt als die Kirschkiste, ist eine Frage, die in jeder Eltern-Whatsapp-Gruppe irgendwann auftaucht: Wie lange geht das eigentlich noch? Und mit ihr ein Mythos, der sich hartnäckig hält – dass die Trotzphase ein festes Enddatum hat, so wie ein Vertrag, den man kündigen kann, sobald die Laufzeit vorbei ist.
Der Mythos vom festen Enddatum der Trotzphase
Viele glauben, es gebe einen Tag, an dem es einfach aufhört. Das stimmt nicht. Die Trotzphase beginnt typischerweise zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat und klingt meist erst zum vierten oder fünften Lebensjahr hin wieder ab. Das ist kein Zeichen dafür, dass mit Mila oder mit mir etwas nicht stimmt – es ist ein entwicklungsbedingter Standard, keine individuelle Laune und schon gar keine Note für meine Erziehung.
Anfangs habe ich nachts gegoogelt, in der Hoffnung auf ein Datum, einen Kalendereintrag, irgendetwas Endgültiges. Dabei bin ich auf das Trotzphase Videoseminar gestoßen – kurz genug für eine Pause zwischen zwei Kinderaufwachphasen, aber am Ende doch nur ein Überblick ohne große Tiefe, kein Ersatz für die Erkenntnis, dass es ohnehin kein festes Enddatum gibt.
Manche nennen das Ganze inzwischen lieber Autonomiephase statt Trotzphase, und an manchen Tagen hilft mir allein das Wort schon, weil es klingt, als würde Mila etwas üben und nicht einfach nur gegen mich sein.
Thea erzählt am Kita-Tor eine andere Geschichte als ich
Thea steht manchmal am Tor, wenn ich Mila abhole, und braucht keine Vorwarnung, um in eine Geschichte über Felix' alte Trotzzeit zu rutschen. Felix ist jetzt fünf und, wie sie sagt, komplett verwandelt – ruhig, verhandlungsbereit, fast schon vernünftig. Wenn sie erzählt, wie lange und wie heftig es bei ihm war, wird schnell klar: Es gibt kein gemeinsames Drehbuch. Bei manchen Kindern flaut es früh ab, bei anderen zieht es sich, bei wieder anderen kommt es in Wellen zurück, sobald ein neuer Entwicklungsschritt ansteht. Das Zeitfenster mag ähnlich sein, aber wie es sich anfühlt und wie lange die einzelnen Ausbrüche dauern, unterscheidet sich von Kind zu Kind.
Mit dem Handy gegen einen Wutanfall ankämpfen
Was bei uns nicht funktioniert hat: Ich habe ihr mitten in einem Wutanfall einmal mein Handy hingehalten, ein Video mit singenden Tieren, nur damit für ein paar Sekunden Ruhe einkehrt. Es hat sogar geklappt – bis ich es ihr wieder wegnehmen musste, und dann ging der Anfall doppelt so laut weiter, diesmal wegen des Handys und nicht mehr wegen der Kartoffeln oder was auch immer der eigentliche Auslöser gewesen war. Ablenkung verschiebt das Problem oft nur um ein paar Minuten. Sie löst nichts.
Wird es leiser, wenn man wartet?
Neulich, beim Malen am Küchentisch, hat sie leise nein gesagt, mich für eine Sekunde angeschaut und dann einfach in aller Ruhe weitergemalt – kein Geschrei, keine Erklärung nötig, nur dieses kurze Nein und danach Stille. Solche Momente sind kein Beweis dafür, dass die Phase vorbei ist. Sie zeigen eher, dass sich die Form ändert, noch bevor der Inhalt verschwindet.
Was uns dahin gebracht hat, ist am ehesten Konfliktleichtigkeit für Familien gewesen, ein Ansatz, der stark auf der Gewaltfreien Kommunikation aufbaut. Es geht weniger um perfekte Sätze und mehr darum, überhaupt einen Moment zu finden, bevor man selbst laut wird. Bei akuter Eskalation hilft die Theorie im Moment selbst kaum – das habe ich bei diesem Ansatz auch gemerkt –, aber danach, beim Wiedergutmachen, macht sie einen echten Unterschied.
Mehr zu dem, was hinter einem Wutanfall wirklich steckt, habe ich in einem anderen Eintrag aufgeschrieben, falls du Wutanfälle verstehen und begleiten willst, ohne selbst die Nerven zu verlieren. Und wenn du merkst, dass du selbst näher an der Kante bist als das Kind, gibt es einen Text darüber, wie man Überforderung vermeiden kann, gerade wenn niemand da ist, der einem kurz das Kind abnimmt.
Wutanfall, Machtkampf, Widerstand – viele Namen für ähnliche Momente
Nicht jede Auseinandersetzung heißt gleich. Der Machtkampf ums Abendessen läuft nach einer ganz eigenen Logik ab, die eigentlich ein eigenes Kapitel verdient. Wie ruhig ich selbst bleibe, wenn Mila explodiert, hat wiederum viel mit dem zu tun, was man Co-Regulation nennt – meine eigene Anspannung steckt an, ob ich will oder nicht. Der Widerstand, wenn ein Ausflug zu Ende gehen soll und wir gehen müssen, ist noch mal etwas anderes als der Widerstand gegen den Löffel beim Essen. Und wie schnell sie aufgibt, wenn der Turm aus Bauklötzen umfällt, hat mit der Frustrationstoleranz zu tun, die sich mit jedem Monat ein kleines Stück verschiebt.
Alleinerziehend durch eine Phase, die länger dauert als gedacht
Diesen Text schreibe ich später am selben Abend, am wackligen Schreibtisch mit Blick in den Hinterhof, zwischen einem Stapel französischer Bücher und einem Notizblock, der nie ganz zuklappt. Der Mokka ist inzwischen kalt, wie eigentlich immer, und durch den Vorhang fällt schon dieses schräge Laternenlicht vom Hof herein.
Alleinerziehend bedeutet in dieser Phase vor allem: Es gibt kein Tag-Team. Keinen Partner, dem ich Mila kurz übergeben kann, wenn mir die Worte ausgehen. Es gibt nur mich, Mila und den Moment, den wir gemeinsam durchstehen müssen, egal wie laut er wird.
Für alle, die eher einen kompletten Fahrplan brauchen statt einzelner Bausteine, habe ich mir das Elternförderprogramm angeschaut. Es deckt die Zeit von eins bis vier Jahren komplett ab und gibt einen klaren, strukturierten Weg vor statt einzelner Werkzeuge für einzelne Situationen – auch wenn es noch recht neu am Markt ist und ich bisher wenig Erfahrungsberichte von anderen Nutzerinnen gefunden habe.
Wenn du selbst gerade das Gefühl hast, keinen Ausweg mehr zu sehen: Schau dir vielleicht die Methode von Konfliktleichtigkeit für Familien an. Mir hat sie geholfen, Sprache wieder als Werkzeug zu verstehen statt als Waffe, auch wenn mir die Ich-Botschaften nicht jedes Mal locker über die Lippen gehen, besonders nicht vor dem ersten Kaffee.