Konfliktleichtigkeit für Familien: Wie wir weniger streiten und mehr lachen (Update 2026)

2026.05.12
Zuletzt aktualisiert
Konfliktleichtigkeit für Familien in der Trotzphase: alleinerziehende Mutter in Dresden begleitet ihr Kind beim Anziehen

Ein französischer Schachtelsatz mit vier ineinander verschachtelten Nebensätzen lässt sich schneller entwirren als der Grund, warum ein Schuh partout am falschen Fuß sitzen musste - links auf rechts, fest entschlossen, so zu bleiben. Seit vier Jahren übersetze ich Romane aus dem Französischen, allein in einer Wohnung in Dresden-Neustadt, und bei der Grammatik der Trotzphase bin ich trotzdem noch bei den Grundlagen. Mila hat sich die Schuhe heute Morgen komplett selbst angezogen, stolz und verkehrt, und ich habe kein Wort dazu gesagt. Genau um solche Momente geht es in diesem Eintrag, um die Fragen, die mir andere alleinerziehende Eltern mitten in der Trotzphase am häufigsten schreiben.

Ich bin keine Erziehungsexpertin, keine Pädagogin, ich übersetze Bücher und stolpere nebenbei durch dieselbe Phase wie alle anderen hier. Die Fragen wiederholen sich trotzdem: Warum eskaliert jede Kleinigkeit? Was mache ich, wenn Reden nicht hilft? Muss ich ruhig bleiben, obwohl gerade niemand da ist, der übernimmt? Eine pauschale Antwort gibt es nicht, aber ein paar Dinge funktionieren bei uns öfter als der Rest, und die schreibe ich hier zusammen.

Warum wird aus jedem Schuh eine Grundsatzdebatte?

Der Schuh selbst ist selten das eigentliche Problem. Es geht darum, wer entscheidet, welcher zuerst angezogen wird, und ob sie überhaupt gefragt wurde. Ich google in solchen Momenten manchmal, was in ihrem Kopf gerade los ist, und lande fast immer beim präfrontale Kortex, im Flur bringt mich dieses Wissen trotzdem nicht wirklich weiter. Fachleute nennen diese Phase inzwischen lieber Autonomiephase statt Trotzphase, mehr dazu habe ich in einem anderen Eintrag über das Kind, das alles alleine machen will aufgeschrieben. Frustrationstoleranz ist der Fachbegriff für das, was gerade bei ihr im Aufbau ist - bei mir baut sich das gerade auch neu auf.

Was mir hilft, ist eine einzige Frage, bevor ich reagiere: Geht es gerade um die Sache selbst, oder darum, dass sie mitbestimmen durfte? Bei Schuhen ist es fast immer Zweiteres. Dann kann ich Reihenfolge, Farbe und Tempo komplett ihr überlassen, ohne dass dabei etwas kaputtgeht, das ich später reparieren müsste.

Hafermilchpackung auf dem Supermarktboden als Symbol für einen typischen Trotzphase-Konflikt im Familienalltag

Erklären hilft seltener, als ich dachte.

Vor den bunten Hinterhöfen der Kunsthofpassage wollte Mila neulich partout nicht weitergehen, obwohl wir längst hätten los müssen. Der Auslöser war ein Wasserspeier an einer der Fassaden, aus dem bei Regen Wasser durch sichtbare Rohre läuft, und sie wollte so lange stehen bleiben, bis es wieder regnet. Ich habe mich hingekniet und ihr in aller Ausführlichkeit erklärt, warum wir jetzt gehen müssen, dass wir noch einkaufen müssen, dass die Rohre morgen immer noch da sind, dass es einen Zeitplan gibt. Drei Sätze wurden fünf, fünf wurden ein ganzer Vortrag. Solche Nachmittage sind ohnehin schwerer, wenn kurz davor schon ein Wutanfall nach der Kita die Stimmung gekippt hat.

Genützt hat es nichts.

Sie hat lauter geweint, je länger ich geredet habe, und am Ende habe ich sie einfach hochgehoben und bin mit ihr schreiend aus der Passage gegangen. Der Widerstand beim Verlassen eines Ortes hat einen eigenen Fachnamen, aber der ändert an diesem Nachmittag nichts.

Was ich seitdem probiere: ein Satz statt fünf. „Wir gehen jetzt" bewegt öfter etwas als jede Begründung, die hinterherkommt, und je kürzer ich es halte, desto schneller sind wir wirklich unterwegs.

Muss ich in der Trotzphase ruhig bleiben, obwohl niemand da ist, der übernimmt?

Nein, muss ich nicht, auch wenn viele Ratgeber genau das nahelegen. Es gibt einen Punkt, an dem die Erschöpfungsschwelle bei einer alleinerziehenden Person schneller erreicht ist, weil niemand die zweite Halbzeit übernimmt, und an solchen Tagen ist meine Geduld einfach kürzer als sonst. Wenn ich das zugebe, statt es zu verstecken, wird der Abend meistens leichter. Mila merkt ohnehin, wenn ich nur so tue, als wäre alles in Ordnung.

Was in solchen Momenten wirklich hilft, nennt sich in der Fachsprache wohl Co-Regulation: die eigene Ruhe leihen, bevor sie ihre wiederfindet. Meine Studienfreundin Henrike schickt mir an schwierigen Tagen manchmal einfach ein Buch mit der Post, ganz ohne Nachricht dazu, und das hilft mehr als jeder aufmunternde Anruf.

Wenn Mila mitten im Trubel der Kunsthofpassage loslegt, merke ich vor allem, wie sehr mich die Blicke fremder Leute unter Druck setzen. Genau darum ging es in einem älteren Eintrag über ungefragten Erziehungstipps, die man in solchen Momenten von wildfremden Menschen bekommt.

Gelbe Kindergummistiefel im Flur einer Dresdner Altbauwohnung als Zeichen kindlicher Autonomie in der Trotzphase

Später, wenn Mila endlich schläft, ist die Wohnung so still, dass nur noch der Kühlschrank aus der Küche leise vor sich hin summt, und in genau dieser Stille merke ich am deutlichsten, wie angespannt der Tag war.

Der Unterschied zwischen einem Machtkampf und einem echten Bedürfnis

Nicht jeder Widerstand ist ein Machtkampf, auch wenn er sich in dem Moment genauso anfühlt. Die Dynamik dahinter ist ein eigenes Thema, das ich hier nicht komplett aufdröseln will, nur so viel: Sobald ich merke, dass ich unbedingt recht behalten will, ist es meistens schon einer geworden.

Die Frage, die mir mehr hilft: Welches Bedürfnis steckt gerade hinter dem Nein? Manchmal denke ich dabei kurz an die Gewaltfreie Kommunikation, auch nur in einer stark reduzierten Alltagsversion, die Grundidee, dass hinter jedem Nein ein Bedürfnis ohne Namen steckt, reicht mir meistens schon als Reminder. Wenn ich mir diese Frage stelle, bevor ich antworte, wird aus der Konfrontation öfter ein Umweg als eine Wand.

Französische Romane und Kinderzeichnungen auf dem Schreibtisch einer alleinerziehenden Übersetzerin in der Trotzphase

Kleine Zeichen sammeln, die zeigen, dass es leichter wird

Wie lange die ganze Phase insgesamt noch dauert, ist ohnehin die falsche Frage für einen Sonntagabend. Die Antwort dazu gehört in einen anderen Eintrag. Was ich stattdessen sammle, sind kleine Zeichen: der Schuh, den sie heute Morgen allein anzog, falsch herum zwar, aber ohne einen einzigen Kampf.

Kein großer Umschwung, kein einzelner Tag, an dem plötzlich alles anders läuft, nur ein Vormittag, der leichter war als der davor, und ein zweiter, der es hoffentlich auch wird. Wer nach einem Wendepunkt sucht, wird ihn wahrscheinlich nicht finden. Wer stattdessen nach den kleinen Momenten sucht, in denen es einfach nur okay war, findet erstaunlich viele davon.

Konfliktleichtigkeit heißt für mich am Ende nicht, dass nichts mehr schiefgeht, sondern dass ich anfange, die kleinen Zeichen zu zählen statt nur die großen Zusammenbrüche zu erinnern. Der Schuh am falschen Fuß gehört jetzt dazu.