
Der Fliesenboden im Supermarkt an der Bautzner Straße fühlt sich kälter an, als man denkt, wenn man sich mit dem Rücken draufsetzt. Von dort unten kenne ich die Trotzphase inzwischen am besten – zwischen den Kühlregalen, mit Mila neben mir und einem Kreis aus Blicken über uns. Als alleinerziehende Mutter in der Dresden-Neustadt habe ich gegen genau diese Blicke zwei ziemlich unterschiedliche Strategien ausprobiert, und nur eine davon hat mir am Ende geholfen, ruhig aus dem Laden zu kommen.
Auslöser war diesmal eine Packung Nudeln in der falschen Form – Mila wollte die Schleifen, ich hatte die Röhrchen gegriffen. Innerhalb weniger Sekunden lag sie auf dem Boden, mitten im Gang, und schrie mit einer Lautstärke, die selbst die Kassiererinnen kurz aufblicken ließ. Ein Einkaufswagen bremste ab. Zwei Frauen wechselten Blicke, die mehr sagten als jedes Wort.
Zwei Reaktionen im selben Supermarkt
Reaktion eins ist die, mit der ich früher fast jeden Streit angegangen bin: erklären. Ausführlich, geduldig, mit vollständigen Sätzen erklären, warum wir jetzt gehen müssen – die Kita macht gleich zu, das Essen wird kalt, wir haben noch Wäsche zu Hause. Reaktion zwei kam erst später dazu, eher aus Erschöpfung als aus Überzeugung: aufhören zu reden und mich einfach neben Mila auf den Boden setzen.
Beide Reaktionen habe ich an unterschiedlichen Tagen im selben Laden getestet, mit derselben Auslöserin, demselben Neonlicht, denselben Umstehenden.
Der Unterschied im Ergebnis war groß genug, dass ich ihn hier aufschreibe, bevor ich ihn wieder vergesse.
Erklären, bis niemand mehr zuhört
Ich habe Mila auf dem Boden gegenübergekniet und ihr regelrecht einen Vortrag gehalten, während um uns herum die Einkaufswagen bremsten. Das Ergebnis war fast immer dasselbe: Je länger ich redete, desto lauter wurde sie, und desto länger blieben die Leute stehen, um zuzuhören, als wäre es ein kleines Theaterstück mit mir in der Hauptrolle der überforderten Mutter.
Erklärungen brauchen ein Kind, das noch zuhören kann. Mitten im Ausnahmezustand ist genau das nicht der Fall – jedes zusätzliche Wort wirkt wie ein weiterer Reiz, nicht wie Information. Das hat wenig mit Sturheit zu tun und viel mit der Frustrationstoleranz eines Dreijährigen, die an diesem Punkt schlicht aufgebraucht ist.
In solchen Momenten frage ich mich oft, wie lange diese Trotzphase wirklich dauert, aber im Supermarktgang bringt mir die Antwort darauf ohnehin nichts.
Übersetzt in meinen Berufsalltag: Erklären ist wie eine wörtliche Übersetzung – technisch korrekt, aber im falschen Moment nutzlos. Man trifft jedes einzelne Wort und verfehlt trotzdem den Sinn.
Was passiert, wenn ich einfach schweige?
An einem Donnerstagnachmittag, kurz vor Ladenschluss, habe ich zum ersten Mal die zweite Reaktion ausprobiert. Ich setzte mich direkt auf den Boden, neben die Nudel-Abteilung, ohne ein weiteres Wort.
Kein Diskutieren, kein Erklären, warum wir weitermüssen. Nur Dasein. Manche nennen das Co-Regulation, aber für mich war es in diesem Moment eher eine Art Mauer, die ich zwischen Mila und die Blicke der anderen gestellt habe. Es geht dabei auch um Konfliktleichtigkeit, auch wenn sich der Fliesenboden alles andere als leicht anfühlt.
Sobald ich aufhöre, mich zu rechtfertigen, finden die Vorwürfe der Umstehenden keinen Ansatzpunkt mehr – sie prallen einfach ab, weil niemand mehr da ist, der sie entgegennimmt.
Solche Auslöser wirken klein, sind es aber oft nicht: Sobald das Kind alles alleine machen will und an einer Kleinigkeit scheitert, bricht für einen Moment die ganze Welt zusammen – das ist kein böser Wille, das ist Überforderung mit der eigenen Selbstständigkeit.
Der Ort entscheidet oft mehr als die Methode
Von allen Erziehungsstrategien, die ich in Ratgebern gelesen habe, ist keine so wirksam wie ein leerer Raum. An den Elbwiesen am Elberadweg, wo wir sonntags manchmal laufen, kann Mila sich mitten auf den Weg werfen, und niemand hält deswegen an. Radfahrer klingeln, weichen aus, fahren weiter. Es gibt keine Kassenschlange, die zur Zuschauertribüne wird.
Der Wutanfall selbst unterscheidet sich dort kaum vom Vorfall im Supermarkt – nur das Publikum fehlt. Und ohne Publikum fühlt sich mein eigenes Schweigen nicht mehr wie eine Vorführung an, sondern einfach wie das, was es ist: warten, bis es von selbst abklingt.
Zwischen Elbwiesen und S-Bahn
Auf der S-Bahn ist der Raum wieder eng, aber die Situation trotzdem eine andere: Die Menschen um uns herum fahren nur ein paar Stationen mit, das nimmt dem Ganzen etwas von seinem Ernst. Neulich, auf der Fahrt Richtung Hauptbahnhof, haben Mila und ich aus dem Rattern der Räder ein Lied gebaut – irgendein Unsinn über einen Drachen, der Fahrkarten sammelt – und sie hat die ganze Strecke über kein einziges Mal geweint.
Kein Erklären, kein Schweigen, sondern eine dritte Reaktion: mich vorher schon so einbinden, dass gar keine Lücke für den Wutanfall entsteht. Das funktioniert nicht überall – im Supermarkt mit Einkaufsliste und Uhrzeit im Nacken fehlt mir oft genau diese Ruhe, um mir spontan ein Lied auszudenken.
Henrike, meine alte Studienfreundin aus Romanistik-Tagen, hat mir am Abend danach geschrieben, wie sie es öfter tut, und erinnerte mich an etwas, das ich selbst schon vergessen hatte: dass ich ihr vor einer Weile genau dieselbe Szene mit einem Joghurt erzählt hatte, nur damals noch völlig ratlos, ohne die leiseste Ahnung, was ich überhaupt versuchen sollte.
Wann ich erkläre, wann ich schweige
Mittlerweile behalte ich beide Reaktionen, aber ich sortiere sie nach einer einfachen Faustregel. Ich erkläre nur noch, wenn Mila selbst noch fragt und offensichtlich zuhören kann – vor dem Anfall, nicht mittendrin. Sobald sie auf dem Boden liegt und schreit, rede ich nicht mehr. Dann setze ich mich hin und schweige, ganz gleich, wer gerade an der Kasse wartet.
Es ist kein elegantes System und auch keine Garantie – beim nächsten Einkauf kann alles wieder anders laufen, mit einem ganz neuen Auslöser, der mir heute noch nicht mal einfällt. Aber es ist der Unterschied zwischen einem Nachmittag, der mich leer zurücklässt, und einem, nach dem ich wenigstens weiß, warum es diesmal ging.
Ich schreibe das jetzt am Küchentisch, der kalte Tee längst vergessen, und rieche beim Tippen noch einen Hauch Knete an meinen Fingern – ein Rest vom Nachmittag, der sich nicht wegwaschen ließ. Vielleicht ist das die ehrlichste Zusammenfassung: Die Trotzphase klebt an einem, auch wenn der Laden längst verlassen ist, und die einzige wirkliche Wahl, die ich habe, ist, in welchem Moment ich aufhöre zu reden.