Kleinkind will nicht im Buggy sitzen: Entspannter Alltag in der Trotzphase

2026.09.27
Kleinkind verweigert den Buggy in der Trotzphase – Mutter und Tochter auf dem Wochenmarkt in Dresden-Neustadt

Wie schaffst du es eigentlich, in der Trotzphase gelassen zu bleiben, wenn dein Kind mitten auf dem Kopfsteinpflaster liegt und ringsum alle abwarten, was du jetzt tust? Ich habe darauf noch keine verlässliche Antwort, auch nach Wochen der Buggy-Verweigerung nicht. Als alleinerziehende Mutter in Dresden-Neustadt bin ich mit dieser Frage meistens allein unterwegs – zwischen vollen Einkaufstaschen, einer Übersetzung, die eigentlich schon fertig sein sollte, und einer Dreijährigen, die genau weiß, was sie will und was nicht.

Buggy-Verweigerung auf dem Wochenmarkt am Alaunplatz

Ein Dienstagvormittag auf dem Wochenmarkt am Alaunplatz hat mir das zuletzt wieder gezeigt. Ich hatte drei schwere Taschenbücher unter dem Arm, eine Tüte Gemüse vom Stand nebenan in der anderen Hand und wollte Mila – mittlerweile stolze 43 Monate alt – nur für die letzten Meter in den Buggy setzen. Der Plan war einfach. Die Realität: Mila lag flach zwischen den Marktständen auf dem Pflaster, streckte Arme und Beine von sich und brüllte ein Nein, das bis zur Kasse beim Käsestand zu hören war.

Der Schaumstoffgriff klebte mir feucht in der Hand, während sie mit vollem Körpereinsatz schrie, sie wolle selbst laufen. Mir lief der Schweiß den Rücken runter, die Bücher rutschten mir langsam aus dem Arm, und ich fragte mich, ob die Marktleute mich für eine überforderte Mutter hielten oder einfach nur dachten: Nimm doch das Kind hoch. Aber Mila ist kein Baby mehr, das man einfach hochnimmt. Es fühlte sich an wie bei der Geschichte mit dem falschen Becher, wo eine Kleinigkeit reicht, damit die ganze Welt zusammenbricht – nur dass es diesmal ein rotes Gefährt auf vier Rädern war.

Buggy-Verweigerung in der Trotzphase: abgenutzter Schaumstoffgriff eines Kinderwagens vor verschwommenem Straßenhintergrund

Warum Mila nicht auf meine Argumente hört

Als Literaturübersetzerin arbeite ich eigentlich den ganzen Tag mit Logik, mit Nuancen, mit der Bedeutung von Wörtern. In dieser Phase bedeutet ihr Nein aber selten Ich will das nicht, sondern eher Ich will, dass du merkst, dass ich entscheiden kann. Der Buggy ist für sie längst kein praktisches Gefährt mehr, das ihre Beine schont, sondern ein Symbol für Freiheitsentzug – irgendwo zwischen Autonomiephase und offener Rebellion.

Für sie ist meine ganze Erklärung dazu reines Rauschen, egal wie oft ich sie wiederhole. Ich rede mir manchmal die Kehle wund darüber, dass wir schneller zu Hause sind, dass meine Arme wehtun, dass wir es pünktlich schaffen müssen – und sie hört einfach nicht zu. Sie will offenbar spüren, dass ihr eigener Körper ihr gehört, und nicht nur, dass sie von A nach B transportiert wird. Wahrscheinlich steckt hinter jedem ihrer Neins ein Bedürfnis, das sie noch nicht in Worte fassen kann, und keine böse Absicht. Wenn ich das GFK-mäßig betrachte, verändert sich zwar mein Ton, aber nicht unbedingt ihr Verhalten auf dem Pflaster.

Die Fünf-Minuten-Vorwarnung hat nicht gereicht

Letzte Woche habe ich es mit einer Vorwarnung versucht, wie sie in jedem zweiten Erziehungsratgeber steht. Fünf Minuten vor dem Aufbruch vom Markt habe ich ihr angekündigt, dass wir bald in den Buggy müssen. Sie hat genickt, weitergespielt, alles wirkte entspannt. Als die fünf Minuten aber tatsächlich um waren, hat sie sich trotzdem auf den Boden geworfen, als hätte ich gar nichts gesagt.

Der Übergang vom Laufen zum Sitzen scheint für sie schwerer zu sein als das Laufen selbst, egal wie gut ich ihn ankündige. Ich habe irgendwann die Geduld verloren und sie unter Tränen in den Gurt geschnallt, während ich lauter wurde, als mir lieb war. Wir kamen beide völlig verheult zu Hause an, und ich fühlte mich für den Rest des Abends wie die schlechteste Mutter der Neustadt. Dieser Machtkampf, das war mir danach klar, hat keine Gewinner – höchstens eine Pause bis zum nächsten Mal.

Laufen im Schneckentempo: Was Woche vier verändert hat

An einem regnerischen Vormittag habe ich dann etwas Radikales gemacht und den Buggy einfach im Hausflur stehen lassen, obwohl wir zur Kita mussten und ich danach eine Abgabe hatte. Wenn sie laufen will, dachte ich, dann eben in ihrem Tempo. Wir haben für die kurze Strecke ewig gebraucht, aber wir haben jeden Stein am Wegesrand untersucht, ein paar Ameisen beim Krümeltransport beobachtet und ausführlich diskutiert, warum die Pfützen an diesem Morgen so besonders schön spritzten.

So sieht unser Kleinkind-Alltag in der Trotzphase im Moment eben aus: eine kurze Strecke, unendlich viel Zeit, kaum noch Tränen an der Haustür. Ihre Frustrationstoleranz wächst langsamer, als ich es mir wünschen würde, aber an diesem Morgen hat es sich zum ersten Mal seit Wochen nicht wie ein Kräftemessen angefühlt. Manchmal reicht es, ruhig neben ihr zu bleiben, statt irgendetwas erklären zu wollen – das beruhigt offenbar uns beide mehr als jedes Argument.

Vier Wochen später passierte etwas ganz anderes, zu Hause, mit Wachsmalstiften auf dem Küchentisch. Ich hatte sie gebeten, den Tisch für das Abendessen freizuräumen, und erwartete, dass sie wie sonst aufbegehrt. Stattdessen sagte sie nur Nein, warf mir einen kurzen Blick zu und malte in aller Ruhe weiter, als wäre die Sache für sie längst erledigt. Kein Schreien, kein Boden, einfach ein Nein, das seinen Platz kannte.

Kleinkind-Alltag in der Trotzphase: kleiner Kinderschuh auf dem Kopfsteinpflaster am Alaunplatz in Dresden-Neustadt

Buggy anbieten, nicht befehlen

Mein neuer Ansatz ist, den Buggy als Angebot zu behandeln, nicht als Befehl. Ich sage ihr: Wir gehen jetzt zum Markt, du darfst laufen, solange deine Beine flink sind, und wenn sie müde werden, wartet der Buggy auf dich. Manchmal klappt das. Manchmal lässt sie sich nach der Hälfte des Wegs freiwillig hineinplumpsen, und manchmal schiebe ich ein leeres Gefährt durch die halbe Neustadt, während sie im Schneckentempo neben mir herhüpft.

Ich weiß, dass diese Wahlfreiheit nicht ganz echt ist – am Ende sitzt sie doch meistens im Buggy, nur eben freiwilliger und mit weniger Tränen. Die Blicke der anderen Marktbesucher habe ich mir mittlerweile weitgehend abgewöhnt, auch wenn sie am Anfang wehgetan haben. Wie lange diese Phase noch dauert, kann mir ohnehin niemand verlässlich sagen, also frage ich inzwischen auch nicht mehr ständig danach. Ich habe gemerkt, dass mir ein bestimmtes Elternförderprogramm in solchen Momenten hilft, ruhig zu bleiben, wenn eigentlich alles nach Eskalation aussieht.

Alleinerziehend im Übersetzeralltag: französische Taschenbücher neben einem Holzspielzeugauto auf dem Dielenboden

Was von diesem Sonntag bleibt

Swantje aus dem ersten Stock hat heute Abend kurz angeklopft und ein paar Plätzchen vorbeigebracht, während der leere Buggy noch mitten im Flur stand.

Ilse Koffler, eine Leserin, die nach fast jedem Sonntagspost schreibt, hatte letzte Woche spätabends nur zwei Zeilen geschickt: ihre Zwillinge hätten das Schlimmste offenbar hinter sich, und ob es bei mir auch bald leichter würde. Eine verlässliche Antwort darauf habe ich nicht, nur das Gefühl, in manchen Wochen ziemlich nah an meiner eigenen Erschöpfungsgrenze zu sein, weil ich das komplett allein stemme.

Was bei mir tatsächlich etwas verändert hat, ist nicht der Buggy selbst, sondern der Zeitdruck, den ich ständig auf ihn projiziere. Wenn ich merke, dass ich innerlich schon auf die Uhr schaue, ist das mittlerweile mein Signal, eine Viertelstunde mehr einzuplanen, bevor wir überhaupt die Schuhe anziehen – nicht ihres. Das ist die eine Sache aus dieser Woche, die ich mir wirklich merken will.

Manche Tage gewinnen wir, manche gewinnt die Trotzphase, und der Earl Grey auf dem Küchentisch ist inzwischen sowieso kalt. Falls du morgen auch einen leeren Buggy durch die Gegend schiebst, während drei Meter hinter dir ein Kind eine Ameise rettet: Ich sehe dich. Du bist nicht allein.