
Der grüne Becher liegt ungespült im Becken, der blaue steht unberührt im Schrank – und zwischen diesen beiden Plastikdingern entscheidet sich gerade, ob der Nachmittag kippt. Ich bin alleinerziehend, übersetze tagsüber französische Romane und wohne mit meiner dreijährigen Tochter Mila mitten in der Dresdner Neustadt, wo der Kleinkind-Alltag gerade lauter ist als die Straßenbahn vor dem Fenster. Wir stecken in der Autonomiephase, und Kleinigkeiten wie ein Becher sind darin selten wirklich klein.
Letzten Mittwoch hat sie sich deswegen auf den Boden geworfen, mitten im Flur, weil ich ihr die Apfelschorle in den falschen Becher gegossen hatte. Kein Wutanfall wegen etwas Großem. Wegen Farbe.
Der Unterschied zwischen einem Becher und einem Machtkampf
Für Mila ist der Becher nie nur ein Becher. Er ist eines der wenigen Dinge, die sie an so einem Tag komplett selbst bestimmen kann – wann wir losgehen, was es zum Essen gibt, welche Schuhe sie anzieht, entscheide meistens ich. Fachleute nennen das wohl Scheinautonomie, wenn ich sie nur zwischen zwei von mir vorausgewählten Optionen wählen lasse. Für uns beide fühlt es sich trotzdem wie ein kleiner Sieg an, wenn sie zwischen Wasser und Schorle entscheiden darf.
Es gibt für mich eigentlich zwei Wege, auf diese Momente zu reagieren. Der eine: erklären. Der andere: einfach handeln. Beide fühlen sich in der jeweiligen Sekunde richtig an, und beide sind bei uns schon grandios gescheitert.
Wenn Erklären nicht hilft
Vorletzten Freitag wollte Mila partout nicht in den Kindersitz. Nicht weil der Sitz falsch war, sondern weil sie wollte den Gurt selbst schließen, was ihr an diesem Tag motorisch einfach nicht gelang. Ich habe ausführlich erklärt, warum wir jetzt gehen müssen: der Kita-Termin, der Stau auf der Bautzner, meine Übersetzung, die noch auf mich wartet. Zehn Minuten Erklärung, geduldig, sachlich, wie ich es mir vorgenommen hatte. Es hat nichts gebracht. Sie hat sich noch mehr verkrampft, ich wurde lauter, am Ende habe ich sie in den Sitz gehoben und wir sind beide weinend losgefahren.
Übergangswiderstand nennt man das wohl – der Wechsel von einer Tätigkeit zur nächsten war der eigentliche Auslöser, nicht der Sitz selbst. Erklären setzt voraus, dass sie in diesem Moment überhaupt zuhören kann. Das konnte sie nicht.
Wie ich reagiere, wenn Mila sich im Wutanfall selbst haut, ist nochmal eine andere Geschichte. Bei Bechern und Kindersitzen bleibt es bei uns meistens bei Brüllen und Boden, nicht bei Schlagen.
Nebenbei arbeite ich weiter an der Übersetzung, kapitelweise, oft nur in den Pausen, in denen Mila mit Straßenmalkreide beschäftigt ist. Zwei Welten, die sich an manchen Nachmittagen kaum vereinbaren lassen: die Präzision einer französischen Konjunktion und ein Kind, das gerade lernt, dass die Welt nicht auf Kommando funktioniert.
Drei weitere Nachmittage, die kippten
Im Supermarkt an der Bischofsweg ist es ähnlich gelaufen, nur mit mehr Publikum. Mila wollte das Brot selbst ins Netz packen, ich hatte es schon hineingelegt, weil die Schlange hinter uns wartete. Der Zusammenbruch kam sofort und vollständig, mitten im Gang. Ich habe mich hingekniet und leise erklärt, dass wir das Brot ja auch nochmal rausnehmen können, während eine Frau hinter mir hörbar seufzte. Beobachtungsdruck macht in solchen Momenten alles schwerer, das habe ich selten so deutlich gespürt wie da. Am Ende habe ich sie einfach hochgehoben, und wir sind ohne Brot gegangen.
Bei der Abendroutine war es die Reihenfolge. Erst Zähne, dann Schlafanzug, so mache ich es sonst. An diesem Abend wollte sie zuerst den Schlafanzug. Ich habe auf der Reihenfolge bestanden, weil Rituale doch Sicherheit geben sollen, hatte ich irgendwo gelesen. Geendet hat es damit, dass wir beide im Bad saßen, sie schreiend, ich mit der Zahnbürste in der Hand und ohne Ahnung, wie ich da wieder rauskomme. Die Reihenfolge war offenbar mein Bedürfnis nach Kontrolle, nicht ihres nach Sicherheit. Wenn auch das Baden zur Schlacht wird, denke ich manchmal daran, wie das Elternförderprogramm unseren Alltag rettet, auch wenn Perfektion an solchen Abenden sowieso nicht das Ziel ist.
Beim letzten Besuch bei der Oma ging es um eine Fernbedienung. Mila wollte den Fernseher selbst anschalten, die Oma war schneller. Zwei Minuten später lag Mila auf dem Teppich im Wohnzimmer, und ich saß dazwischen – zwischen meiner Mutter, die fand, ein Machtwort würde reichen, und meiner Tochter, die keins hören wollte. In fremden Wohnzimmern bin ich offenbar noch unsicherer als im eigenen Flur.
Auf der Elbwiese lief es anders
An den Elbwiesen am Elberadweg lief es letzte Woche anders. Mila wollte partout nicht vom Ufer weg, es war schon spät, die Mücken kamen. Diesmal habe ich nicht erklärt, warum wir gehen müssen. Ich habe nur gesagt: „Wir gehen jetzt", sie hochgehoben und auf meiner Hüfte weitergetragen, während sie kurz protestiert hat und dann von selbst aufgehört.
Ähnlich war es neulich in der S-Bahn, als der Zug an unserer Station vorbeigerauscht ist und wir eine Station zu weit saßen. Normalerweise wäre das ein Anlass für Tränen gewesen. Stattdessen haben wir spontan ein Lied über die falsche Station erfunden, mit einem Reim auf Bahnhof und zu doof, und sie hat die ganze Rückfahrt gelacht statt geweint.
Ruhig bleiben, bevor sie eskaliert, wirkt offenbar ansteckender als jede nachträgliche Erklärung. Fachleute nennen das Co-Regulation. Wenn ich selbst schon angespannt reagiere, drehe ich die Lautstärke eher hoch als runter, eine Art Reaktionsverstärkung, die ich mir inzwischen bewusst abtrainiere. Was manche Gewaltfreie Kommunikation nennen, bedeutet für mich in solchen Momenten oft nur, kurz zu benennen, welches Bedürfnis gerade auf beiden Seiten im Raum steht, statt es wegzuerklären.
Meiner Freundin Henrike, die ich noch aus dem Studium kenne und die inzwischen in Leipzig lebt, habe ich das am Abend geschrieben. Sie hat mir geantwortet, dass ich ihr das mit dem Erklären schon vor Monaten erzählt hatte, als es genauso wenig funktioniert hat – nur hatte ich das selbst längst vergessen. Manchmal braucht es jemanden von außen, der sich besser erinnert als man selbst.
Während ich das hier tippe, rieche ich noch die Kinderknete an meinen Fingern, obwohl ich sie mir zweimal gewaschen habe. Der Geruch bleibt hartnäckiger als die meisten guten Vorsätze.
Erklären oder einfach handeln?
Erklären hilft, wenn sie schon ruhig ist und wirklich verstehen will, warum der gelbe Becher gerade in der Spülmaschine steckt. Dann nimmt sie Sprache auf wie ein Schwamm, das merke ich beim Vorlesen jeden Abend. Sobald sie aber schon kippt, mitten im Sturz Richtung Boden, bringt keine noch so geduldige Erklärung etwas – dann hilft nur eine kurze, klare Ansage und etwas, das sie körperlich mit einbezieht, ein Lied, ein Tragen, eine Bewegung.
Der blaue Becher steht inzwischen ganz vorne im Schrank, griffbereit, weil mich das eine Auseinandersetzung weniger kostet. Frustrationstoleranz übt sie gerade an Bechern, ich übe sie an mir selbst. Beides ist noch Baustelle, und ich habe aufgehört zu glauben, dass es irgendwann fertig wird.