Wie bringst du ein Kind dazu, ein Laufrad freiwillig loszulassen, wenn es in diesem Moment der einzige Ort ist, an dem es selbst entscheidet? Ich habe mir diese Frage an der Elbwiese am Elberadweg inzwischen öfter gestellt, als mir lieb ist – meistens mit kalten Fingern am Einkaufsbeutel und einer Tochter, die sich an den Lenker klammert, als würde ich ihr das ganze restliche Leben wegnehmen wollen. Eine endgültige Antwort habe ich bis heute nicht. Aber ein paar Dinge, die den Unterschied machen zwischen einem Heimweg mit Tränen und einem ohne.
Alleinerziehend durch die Trotzphase zu kommen bedeutet für mich vor allem eins: improvisieren, meistens irgendwo zwischen Elternalltag und dem Versuch, überhaupt noch an Konfliktlösung zu denken, wenn die eigene Geduld schon am Elberadweg aufgebraucht ist. Hier in Dresden-Neustadt heißt das oft: ein 3,5 Kilogramm schweres Aluminium-Laufrad und eine Dreijährige, die lieber zur Salzsäule erstarrt, als freiwillig abzusteigen.
Wo genau beginnt der Machtkampf ums Laufrad?
Der Weg von der Elbwiese zurück in unsere Straße in der Neustadt ist nicht weit. Für mich eine Frage von Minuten, für Mila auf ihrem 12-Zoll-Laufrad eine Angelegenheit von eigener Tragweite. Das Problem beginnt selten auf der Strecke selbst. Es beginnt in dem Moment, in dem ich das Wort „jetzt" ausspreche. Sobald ein Satz nach Zeitdruck klingt, zieht Mila die Handbremse – im übertragenen wie im wörtlichen Sinn.
Dahinter steckt, so gut ich das als Nicht-Pädagogin beurteilen kann, weniger Trotz um des Trotzes willen als eine kleine Form von Autonomiephase, in der sie übt, eigene Entscheidungen zu treffen. Was von außen wie ein Machtkampf aussieht, ist aus ihrer Perspektive oft nur der Versuch, über die eigene Geschwindigkeit zu bestimmen.
Konfliktlösung beginnt vor der Haustür
Was mir langfristig mehr geholfen hat als jede einzelne Taktik: den Moment des Loslassens nicht erst an der eigenen Wohnungstür zu planen, sondern schon viel früher. Wenn ich innerlich noch beim nächsten französischen Satz bin, den ich übersetzen muss, merkt Mila das sofort – meine Distanz überträgt sich auf sie, und aus einem normalen Nachhauseweg wird ein Verhandlungsmarathon. Ich habe angefangen, mich mit dem Thema Konfliktleichtigkeit zu beschäftigen, nicht weil ich eine Theorie brauchte, sondern weil ich merkte, dass Kämpfen uns beide nur müder macht.
Der praktische Teil davon ist unspektakulär: früher losgehen, langsamer sprechen, das Tempo nicht an meiner Uhr, sondern an Milas Laufrad ausrichten. Klingt banal. Verändert trotzdem die ganze Stimmung auf der Strecke.
Ignorieren – mein größter Fehlversuch
Eine Methode habe ich ausprobiert und wieder verworfen: den Wutanfall einfach zu ignorieren, in der Hoffnung, er würde von allein verpuffen. An der Elbwiese, als Mila sich mitten auf den Weg gesetzt hat und das Laufrad nicht mehr loslassen wollte, bin ich ein paar Schritte weitergegangen und habe so getan, als würde mich das nicht betreffen – als würde ich einfach warten, bis sie von selbst aufsteht. Das Ergebnis war das Gegenteil von Beruhigung. Mila hat lauter geschrien, ist mir nicht gefolgt, und ich stand am Ende ziemlich ratlos da, mit einem Laufrad in der Hand, das ich notgedrungen selbst tragen musste.
Seitdem weiß ich: Ignorieren mag bei manchen Verhaltensweisen funktionieren, aber nicht, wenn ein Kind mitten in einem Übergang feststeckt. Der Widerstand gegen das Beenden einer Aktivität braucht eher Begleitung als Abstand, sonst wird aus Enttäuschung schnell Panik.
Eine Melodie erfinden, bevor der Trotz losbricht
Was dagegen fast immer funktioniert: etwas erfinden, das Mila mehr interessiert als der Widerstand selbst. Ich erinnere mich an eine Fahrt in der S-Bahn, bei der wir aus Langeweile anfingen, uns gegenseitig Zeilen zu einem komplett unsinnigen Lied über ihr Laufrad auszudenken – kein Wort hat sich gereimt, keine Melodie hat wirklich Sinn ergeben, aber es gab an diesem Tag kein einziges Tränchen, weder beim Ein- noch beim Aussteigen. Diese Erfahrung habe ich seitdem auf den Heimweg übertragen: Statt „Wir müssen jetzt los" starte ich ein Quatschlied über das Laufrad, das müde ist und schlafen möchte, oder über die Enten, die am Elberadweg sitzen und angeblich auch nach Hause wollen.
Der Trick dahinter ist schlicht Co-Regulation: Solange meine eigene Stimme ruhig und spielerisch bleibt, hat Mila etwas, an dem sie sich orientieren kann, statt nur gegen meinen Zeitdruck anzukämpfen.
Trotzphase oder einfach nur Autonomie?
Je länger ich das beobachte, desto mehr glaube ich, dass ein großer Teil dessen, was wir als Trotzphase bezeichnen, eigentlich verkleidete Selbstständigkeit ist. Mila will nicht gegen mich gewinnen. Sie will spüren, dass ihr Körper und ihr Tempo ihr gehören – auf dem Laufrad ist das für sie gerade greifbarer als fast überall sonst. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, kennt das Muster auch aus anderen Situationen: Ein Kleinkind, das nicht im Buggy sitzen will, sucht oft genau dasselbe – einen Ort, an dem es selbst entscheidet, statt transportiert zu werden.
Manchmal reicht dafür schon ein Rest Scheinautonomie: Ob das Laufrad an der Treppe oder im Hinterhof „übernachtet", darf Mila entscheiden, die Richtung bestimme ich.
Elternalltag in Dresden-Neustadt: was andere Eltern erleben
Eine Leserin, Edda Waltenberg, hat mir vor einiger Zeit geschrieben, dass sie die Lied-Idee bei ihrem Sohn ausprobiert hat – und dass es bei ihm überhaupt nicht funktioniert hat, weil er sich lieber ernst genommen fühlen wollte, als abgelenkt zu werden. Solche Rückmeldungen mag ich, gerade weil sie zeigen, dass keine dieser Taktiken ein Patentrezept ist. Was bei Mila auf dem Laufrad wirkt, kann bei einem anderen Kind genau danebengehen.
Meine Freundin Ragna, mit der ich mich regelmäßig über solche Nachmittage austausche, hat nur gelacht, als ich ihr von der Enten-Lied-Nummer erzählt habe – sie lacht ohnehin über fast alles, was in diesem Alter passiert, und manchmal ist genau das die hilfreichste Reaktion überhaupt. Über das Elternförderprogramm im Alltag habe ich übrigens einen ähnlichen Gedanken mitgenommen: Nicht die perfekte Methode zählt, sondern die Gelassenheit, mit der man eine Methode überhaupt erst ausprobiert.
Am Ende bleibt das Laufrad, was es ist: ein 12-Zoll-Gefährt aus Aluminium, das jeden Nachmittag neu verhandelt wird. Manche Tage klappt der Heimweg ohne ein einziges lautes Wort. Andere Tage enden mit einem müden Kind auf dem Arm und einem Laufrad, das ich selbst nach Hause schiebe. Beides gehört zum Elternalltag einer Trotzphase, die sich nicht nach Zeitplan löst, sondern nach dem Tempo eines Kindes, das gerade herausfindet, wie viel Welt es schon selbst steuern kann.