
Zwölf Wochen hat es gedauert, bis mir an der Supermarktkasse auffiel, dass sich etwas verschoben hatte, nicht im Kita-Flur, sondern beim ganz gewöhnlichen Wocheneinkauf. Mila steckt seit über zwei Monaten mitten in der Trotzphase, und als alleinerziehende Mutter in der Dresdner Neustadt gehört der morgendliche Abschied an der Kita-Tür zu den Momenten, die mich regelmäßig aus der Bahn werfen. Diesmal ging es um Joghurt, nicht um Tränen.
Kurzer Hinweis vorweg, weil er hier hingehört: Ich erzähle in diesem Text von meinem Alltag und verlinke dabei auch das Coaching-Programm Konfliktleichtigkeit, das mir selbst durch einige dieser Morgen geholfen hat — kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, du zahlst keinen Cent mehr dafür.
Der Moment an der Kasse, den ich nicht kommen sah
Am REWE an der Königsbrücker Straße stellte Mila neulich den Becher Joghurt eigenhändig aufs Kassenband, bevor ich überhaupt fragen konnte, ob sie helfen möchte. Keine Verhandlung, kein Hinwerfen zwischen den Marmeladengläsern, einfach nur ein Kind, das etwas selbst erledigt und dann weitergeht. Wir schoben den Wagen durch die Schiebetür, und erst auf dem Parkplatz merkte ich, dass da keine einzige Träne gefallen war.
Zwölf Wochen nachdem die Trotzphase bei uns richtig losging, war das die erste Szene, in der ich den Unterschied wirklich gespürt habe — nicht an der Kita-Tür, wo ich ihn am meisten erwartet hätte, sondern an einer Supermarktkasse an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag.
Ragna, meine Freundin aus dem Alleinerziehenden-Netzwerk, hat am Telefon nur laut gelacht, so wie sie eigentlich über fast alles lacht, als ich ihr von der Joghurt-Szene erzählte. Für sie klang das nach einer Kleinigkeit. Für mich war es der Beweis, dass sich etwas verschoben hatte, lange bevor ich es an der Kita-Tür würde sehen können.
Warum sich jeder Abschied anfühlt wie eine zweite Eingewöhnung
Der Kita-Flur ist ein anderes Pflaster als die Supermarktkasse.
Dort klammert sich Mila noch fast jeden Morgen an mein Bein, und die Gummistiefel quietschen auf dem Linoleum, während die Erzieherin geduldig an der Gruppentür wartet.
Letzten Mittwoch habe ich es mit Ignorieren versucht — einfach nichts sagen, nicht reagieren, in der Hoffnung, dass der Wutanfall von selbst aufhört, wenn ich ruhig stehe bleibe und warte. Es hat nicht funktioniert. Mila schrie lauter, klammerte sich fester, und am Ende musste die Erzieherin sie fast aus meinen Armen lösen, während ich mit rotem Kopf zur Arbeit eilte.
Was in diesem Moment in ihrem Kopf passiert, nennt sich Autonomiephase, und der Widerstand gegen den Übergang von zu Hause in die Gruppe hat sogar einen eigenen Namen: Übergangswiderstand, aber keiner dieser Begriffe hat mir am Mittwoch im Flur geholfen. Diese Trennung fühlt sich manchmal an wie eine zweite Eingewöhnung, nur ohne die Betreuerin, die in der ersten Woche noch direkt neben mir stand.
Wenn Worte mein Beruf sind und morgens trotzdem fehlen
Beruflich feile ich seit vier Jahren an Nuancen — an dem einen deutschen Wort, das die französische Sehnsucht genauso schwer macht wie im Original. Morgens im Kita-Flur bringt mich trotzdem eine Dreijährige zum Schweigen. Meine Sätze bestehen dann nur noch aus Befehlsketten: Zieh die Schuhe an. Wir müssen jetzt los. Bitte hör auf zu weinen.
Auf das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation bin ich in einer dieser langen Nächte gestoßen, den kalten Tee schon wieder neben der Tastatur. Der Kern davon ist simpler, als der sperrige Name vermuten lässt: Hinter jedem Nein steckt ein Bedürfnis, das benannt werden will, statt weggewischt zu werden. Genau dieses Prinzip — das Bedürfnis hinter dem Trotz zu erkennen, statt nur das Nein zu bekämpfen — hat mich mehr verändert als jede einzelne Formulierung, die ich mir angelesen habe.
Bei der Methode Konfliktleichtigkeit für Familien bin ich hängengeblieben, weil sie genau auf dieser Idee aufbaut, ohne mir ein starres Erziehungsprogramm überzustülpen. Das Programm gibt es seit 10 Jahren, was mir in der schnelllebigen Online-Welt der Erziehungsratgeber ein bisschen Vertrauen gegeben hat, bevor ich überhaupt etwas ausprobiert habe.
Kleine Verschiebungen statt der großen Lösung
Nach ein paar Wochen Übung veränderte sich die Dynamik zwischen uns, auch wenn die Tränen nicht von heute auf morgen verschwanden. Aus einem Machtkampf-Muster — sie gräbt sich ein, ich befehle lauter — wurde eher ein Nebeneinander von zwei Bedürfnissen, die beide ihren Platz bekamen. Ihre Frustrationstoleranz schien mit jeder Woche ein Stück zu wachsen, auch wenn ich das nie in Zahlen hätte messen können.
Es klingt wahrscheinlich hölzern, wenn ich es so aufschreibe. Am Anfang fühlte ich mich beim Sprechen wie eine schlechte Schauspielerin, die einen Text vorliest, den sie nicht auswendig gelernt hat. Für Mila machte es trotzdem einen Unterschied — sie hörte auf, gegen Befehle anzukämpfen, weil da auf einmal keine Befehle mehr standen, gegen die man ankämpfen musste. Wenn ich selbst kurz davor bin, die Beherrschung zu verlieren, hilft mir manchmal ein Blick in diesen Text hier: Geduld verlieren mit Kleinkind in der Trotzphase: Wie ich ruhiger bleiben lerne — Co-Regulation ist das Stichwort dafür, aber der Artikel dort erklärt es besser, als ich es hier in einem Nebensatz könnte.
Alleinerziehend: Diesen Abschied halte ich allein
Als Alleinerziehende bin ich die einzige Bezugsperson, die diesen Schmerz auffängt — morgens im Flur genauso wie abends, wenn die Erschöpfung sich anfühlt, als läge sie kurz vor einer Schwelle, die ich lieber nicht überschreiten möchte. Es gibt niemanden, der kurz übernimmt, während ich zur Ruhe komme oder mich sammle. Wenn Mila schreit, schreit sie mich an. Wenn sie Trost braucht, braucht sie mich.
Standardtipps wie Geben Sie das Kind kurz an den Partner ab klingen in meiner Realität in der Neustadt eher zynisch als hilfreich. Selbstfürsorge bedeutet für mich inzwischen weniger Schaumbad und mehr veränderte Kommunikation — weniger Kämpfe kosten am Ende weniger Kraft, die ich für den restlichen Tag noch brauche.
Das Elternförderprogramm hatte ich mir vor einer Weile angeschaut, mit seinem strukturierten 3-Monats-Weg und den 1,6 Jahren, die es inzwischen auf dem Markt ist. Für meinen Alltag zwischen Abgabefristen und Kita-Abholzeiten war mir das zu viel Struktur auf einmal — die Methode von Konfliktleichtigkeit passte einfach besser in die kleinen Zeitfenster, die mir tatsächlich bleiben.
Wer mehr über die Begriffe dahinter wissen will — Autonomiephase, Co-Regulation, Wutanfall —, findet im Glossar der Trotzphasen-Begriffe eine Übersicht. Im Flur an diesem Mittwoch hätte mir trotzdem keine Definition geholfen, nur die Übung selbst.
Edda, eine Leserin, die hier regelmäßig kommentiert, hat neulich ehrlich zugegeben, dass ausgerechnet dieser Tipp bei ihr überhaupt nicht funktioniert hat. Genau das schätze ich an den Kommentaren hier — niemand tut so, als würde eine einzige Methode bei jedem Kind gleich wirken.
Sonntagabend, kalter Tee, eine Lektion
Sonntagabend, kurz nach acht, und der Tee auf dem Tisch ist natürlich wieder kalt geworden, während Mila seit einer Stunde schläft. Wie lange die Trotzphase insgesamt noch dauert, kann ich nicht sagen — das ist eine andere Geschichte als diese hier, und mir fehlt gerade auch die Energie, danach zu googeln.
Was ich aus den letzten zwölf Wochen mitnehme, ist eigentlich simpel: Den echten Fortschritt erkenne ich nicht zuerst an der Kita-Tür, wo ich am meisten hinschaue, sondern in den beiläufigen Momenten daneben — an einer Supermarktkasse, beim Anziehen, irgendwo, wo gerade keiner zusieht. Wer wissen will, ob eine neue Art zu sprechen wirklich etwas verändert, sollte deshalb nicht nur den lautesten Moment des Tages beobachten, sondern die leisen dazwischen.
Falls du auch gerade mitten in dieser Phase steckst, in der jeder Abschied sich wie eine kleine Katastrophe anfühlt: Du bist nicht allein damit, und es ist okay, an manchen Morgen einfach keine Kraft für die pädagogisch wertvolle Version von dir selbst zu haben. Wenn du eine Abkürzung suchst, um die Kommunikation mit deinem Kind zu entspannen, kann ich dir das Trotzphase Videoseminar ans Herz legen — knapp 28 Minuten, die den nächsten Morgen im Kita-Flur vielleicht ein kleines Stück leichter machen.
Und falls es doch wieder eskaliert: Zwischen all den scheinbar perfekten Lastenrad-Eltern in der Neustadt kocht am Ende jeder nur mit Wasser — oder mit kaltem Tee. Bis nächsten Sonntag.