
Wutanfälle, die ausbrechen, sind laut und unübersehbar – Arme, die schlagen, ein Körper, der sich auf den Boden wirft, Blicke im Rücken, die man förmlich spürt. Wutanfälle, die nicht ausbrechen, sehen dagegen aus wie gar nichts: ein Joghurt, der ruhig aufs Kassenband rutscht, eine Tür, die ohne Geschrei zufällt. Genau zwischen diesen beiden Bildern bewegt sich unser Alltag als Alleinerziehende in der Trotzphase, seit Mila drei Jahre und sieben Monate alt ist und im REWE an der Königsbrücker Straße mittlerweile öfter das Leise macht als das Laute.
Zwischen Übersetzungsarbeit und Kindergartenabholung bleibt selten Zeit, um in Ruhe zu verstehen, warum das eine Mal alles eskaliert und das andere Mal nicht. Mein Schreibtisch steht am Fenster mit den kleinen Scheiben zum Hinterhof unserer Altbauwohnung in Dresden-Neustadt, und genau dort, zwischen Wörterbüchern und Bilderbüchern im Regal, sortiere ich abends meistens, was tagsüber schiefgelaufen ist und was überraschenderweise geklappt hat.
Ein Wutanfall ist kein Fehlverhalten, sondern ein Überlauf
Trotzen wird in der Entwicklungspsychologie nicht als Fehlverhalten gewertet, sondern als Zeichen dafür, dass ein Kind beginnt, sich selbst als eigene Person wahrzunehmen. Die vielen Neins sind Ausdruck dieser Ich-Werdung, kein persönlicher Angriff auf mich als Mutter – auch wenn es sich im Moment oft genauso anfühlt. Diese Einordnung ändert nichts daran, dass ein schreiendes Kind vor dem Kühlregal real und anstrengend ist. Aber sie ändert, wie ich in dem Moment reagiere, während er passiert.
Manchmal bleibt es nicht bei Schreien und Auf-den-Boden-Werfen. Wenn das Kleinkind haut und tritt, kommt zur Verzweiflung noch echte körperliche Anspannung dazu, und dann braucht die Situation einen ganz eigenen Blick – mehr Abstand, weniger Worte, oft auch früher ein Eingreifen, bevor jemand verletzt wird.
Was steckt eigentlich hinter dem Nein?
Gewaltfreie Kommunikation setzt genau hier an: Hinter jedem Nein steckt ein Bedürfnis, das gerade nicht erfüllt ist – nach Autonomie, nach Kontrolle über die eigene kleine Welt, nach Gesehen-werden, manchmal einfach nach Nähe. Der Joghurt selbst ist fast nie das eigentliche Thema. Das Thema ist, dass Mila in diesem Moment das Gefühl hat, keine Wahl gehabt zu haben, und genau dieses Gefühl sucht sich dann den nächstbesten Auslöser.
Bevor ich irgendetwas sage, stelle ich mir deshalb kurz eine Frage: Geht es gerade tatsächlich um den Gegenstand – den Joghurt, die Socke, den Löffel – oder geht es darum, dass sie sich gerade machtlos fühlt? Bei Ersterem hilft oft eine echte Wahl zwischen zwei Dingen. Bei Zweiterem hilft keine Erklärung der Welt, sondern nur, das Gefühl selbst zu benennen, ohne es gleich lösen zu wollen.
Vieles davon hängt mit der Phase zusammen, in der ein Kind alles alleine machen will – dem Überlaufen der Autonomiephase, wenn der Wille längst da ist, aber die Motorik oder die Sprache noch nicht hinterherkommen.
Der Unterschied zwischen Beruhigen und Begleiten
Beruhigen zielt darauf, dass der Wutanfall aufhört. Begleiten zielt darauf, dass Mila merkt, dass ihre Gefühle nicht zu groß für den Raum sind, in dem wir gerade stehen. Der Unterschied klingt klein, ändert aber, was ich konkret tue. Ich fange nicht an zu erklären, warum der hellblaue Deckel auch in Ordnung ist – sobald ich in Argumente gehe, habe ich das Gespräch schon verloren, weil es nie um den Deckel ging. Stattdessen sage ich möglichst knapp, was ich sehe: Du bist gerade richtig wütend. Danach halte ich meist einfach Abstand, den sie selbst bestimmt – manchmal sitze ich auf dem Boden neben ihr, manchmal darf ich sie in dem Moment nicht mal ansehen, ohne dass es schlimmer wird.
Am eigenen Körper achte ich inzwischen genauso genau: Wenn das Pochen in den Schläfen anfängt, nehme ich mir bewusst ein paar Sekunden, in denen ich nichts weiter tue als stehen bleiben. Das klingt banal, entscheidet aber meistens, ob ich gleich laut werde oder nicht.
Bei Übergängen – wenn ein Spiel endet oder wir irgendwo weg müssen – reicht diese Grundhaltung oft allein nicht aus, weil dort meist noch ein ganz eigener Widerstand gegen das Aufhören selbst dazukommt. Und manche Tage kippen einfach schneller, weil ihre Frustrationstoleranz an dem Tag ohnehin schon dünn ist, nach wenig Schlaf oder einem vollen Kindergartentag.
Grenzen setzen, ohne in den Machtkampf zu rutschen
Nicht jede Grenze, die ich setze, führt automatisch in einen Machtkampf – aber manche schon, vor allem wenn ich anfange, um des Gewinnens willen auf meiner Position zu beharren. Der Unterschied zwischen einer Grenze und einem Machtkampf ist meistens nicht der Inhalt, sondern die Frage, ob ich noch bei der Sache bin oder nur noch dabei, recht zu behalten.
Meine Faustregel dafür: Sicherheit und feste Abläufe sind nicht verhandelbar, die Farbe des Bechers oder die Reihenfolge beim Anziehen fast immer schon. Wenn ich merke, dass ich gerade um eine Kleinigkeit kämpfe, für die es eigentlich zwei gute Lösungen gäbe, lasse ich meistens los.
Was am REWE an der Königsbrücker Straße half
Am REWE an der Königsbrücker Straße habe ich einmal versucht, das ganze Thema mit einem Versprechen abzukürzen: Eis danach, wenn sie einfach mitkommt. Es hat nicht funktioniert – sie ist trotzdem auf dem Boden gelandet, und ich stand da mit einem Angebot, das plötzlich komplett am eigentlichen Problem vorbeiging, weil es nie um das Eis ging.
Neulich, im selben Laden, hat sie den falschen Joghurt einfach selbst aufs Band gelegt und ist mit mir rausgegangen, ohne dass irgendetwas eskalierte – kein Wort von mir, keine Erklärung, nur der Moment, in dem ich sie einfach machen ließ.
Eine Leserin, Edda Waltenberg, hat mir dazu neulich geschrieben und wollte wissen, was danach passiert ist – nicht nur, was schiefgelaufen war, sondern wie es weiterging. Das ist eigentlich die bessere Frage. Was schiefläuft, sieht man sofort. Was danach passiert, entscheidet, ob beim nächsten Mal wieder dasselbe passiert.
Alleinerziehend heißt: keine Ablösung, wenn der Akku leer ist
Co-Regulation setzt voraus, dass die eigene Ruhe überhaupt noch da ist, die man dem Kind leihen kann. Bei Alleinerziehenden fehlt dafür oft genau die Person, die kurz übernimmt, wenn der eigene Akku bei null Prozent steht.
An manchen Tagen liegt meine Erschöpfungsschwelle deutlich früher, als mir lieb ist, und dann hilft die beste Technik nichts mehr, weil ich selbst nicht mehr reguliert bin.
Ragna Ockenfels, eine befreundete Alleinerziehende aus dem Netzwerk hier in Dresden, kennt praktisch jeden Sozialdienst-Ansprechpartner der Stadt auswendig – bei ihr frage ich nach, wenn ich selbst nicht mehr weiterweiß.
Ein kurzer, bewusster Rückzug hilft an solchen Tagen oft mehr als jeder Versuch, sofort zu deeskalieren: kurz sagen, dass ich gerade wütend bin und einen Moment brauche, dann tatsächlich für ein paar Sekunden aus dem Raum gehen. Das ist kein Versagen, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt noch regulieren zu können. Kleine Rückzugsinseln wie in meinen Tipps zur Selbstfürsorge für alleinerziehende Mütter helfen dabei, diese Schwelle gar nicht erst so früh zu erreichen.
Wie lange die Trotzphase insgesamt dauert, ist übrigens eine andere Frage, die ich hier bewusst nicht beantworte – wichtiger ist ohnehin, wie ich einzelne Momente wie den im REWE gestalte, egal ob wir gerade erst am Anfang stehen oder schon mittendrin sind.
Der Joghurt aufs Band war kein Beweis, dass wir es geschafft haben. Es war nur ein Nachmittag, an dem gerade genug Kapazität für beide da war – bei ihr und bei mir. Wenn ich einen einzigen Punkt mitgeben soll, dann diesen: Nicht der Auslöser entscheidet, wie ein Wutanfall verläuft, sondern wie viel Regulation gerade auf beiden Seiten übrig ist. Danach richte ich mich inzwischen mehr aus als nach jeder einzelnen Technik.