
Französische Verben lassen sich konjugieren – mit Regeln, Ausnahmen und am Ende doch einer gewissen Logik. Ein Löffel Milchreis in der Hand einer Dreijährigen hat keine Logik, nur Schwerkraft und einen Blick, der testet, was jetzt passiert. Genau zwischen diesen beiden Welten sitze ich jeden Abend am Esstisch: zwischen Grammatik und Grundsatzdebatte, zwischen Übersetzerin und Alleinerziehender mitten in der Trotzphase, in der sich Eltern-Frust selten so konkret zeigt wie beim Essen, und in der sogenannte Konfliktleichtigkeit meist nur eine Floskel bleibt, bis man sie wirklich braucht.
Mila wirft nicht aus Bosheit. Sie wirft, weil Schwerkraft die zuverlässigste Freundin ist, die eine Dreijährige gerade hat, vorhersehbar, sofort reagierend, und anders als Mama nie genervt.
Zwischen Nudeln an der Wand und einem Teller, der einfach stehen bleibt, liegen für mich zwei komplett unterschiedliche Reaktionen. Die eine kenne ich zu gut. Die andere setze ich inzwischen bewusster ein.
Zwei Wege durch die Trotzphase am Esstisch
Variante eins: Ich reagiere – schimpfe, erkläre, verhandle, werde laut oder leise genervt. Variante zwei: Ich lasse die Konsequenz sprechen und halte mich selbst zurück. Beide fühlen sich im Moment logisch an. Nur eine davon macht aus dem Esstisch wieder eine halbwegs friedliche Insel statt ein kleines Schlachtfeld.
Der Hochstuhl ist inzwischen so etwas wie eine kleine Bühne für Experimente, und die Rolle des Publikums fällt meistens mir zu.
Warum helfen Schimpfen, Erklären und Bestechen eigentlich nicht?
Schimpfen bringt bei uns genau zwei Reaktionen: Entweder erschrickt Mila, oder sie lacht, weil meine Stimme komisch hoch wird. Erklären funktioniert ungefähr so gut wie eine Bedienungsanleitung für einen Toaster, vorgelesen auf Französisch. Und Bestechen hält exakt so lange, wie das bestochene Gut noch sichtbar auf dem Tisch liegt.
Neulich, auf dem Weg zum Alaunpark, hatte ich eine kleinere Version desselben Problems. Ich wollte den Gurt vom Buggy festziehen, Mila hat sich mit dem ganzen Körper gegen den Gurt gestemmt, und je fester ich gezogen habe, desto verzweifelter wurde ihr Widerstand. Erst als ich lockerer gelassen und sie das Klick selbst drücken ließ, war der Kampf vorbei.
Am Tisch läuft derselbe Mechanismus. Je fester ich auf Kontrolle bestehe, desto schneller wird aus einer Mahlzeit ein kleiner Machtkampf – und Mila hat noch kaum Impulskontrolle, wenn der Löffel einmal in der Luft ist. Das ist kein Angriff auf meine Autorität, das ist Neugier mit schlechtem Timing.
Sprachlich kann Mila inzwischen fast alles ausdrücken, was sie will – wie Kinder in diesem Alter Sprache aufnehmen, fasziniert mich sowieso beruflich. Emotional steckt sie trotzdem noch mitten in der Autonomiephase, in der Wollen und Können selten im gleichen Tempo laufen.
Konsequenz schlägt Kontrolle
Variante zwei sieht in der Praxis unspektakulär aus, deshalb unterschätze ich sie ständig selbst. Der Begriff dafür ist Konfliktleichtigkeit, und ich bin erst über das Elternförderprogramm wirklich darauf gestoßen – nicht, weil ich weniger streng sein wollte, sondern weil ich merkte, wie viel Kraft die alte Variante mich jeden Abend kostet.
Letzten Donnerstag reichte ich ihr nur die Küchenrolle, als der Milchreis landete, und sagte: „Nein, das bleibt erst liegen, bis wir es zusammen sauber gemacht haben." Keine Diskussion, kein Protest – Mila nahm die Rolle, drückte sie auf den Fleck und wischte mit, als wäre nichts leichter als das.
Was bei uns den Unterschied macht, ist nicht die große Rede, sondern der ruhige Satz direkt danach – eine Art Co-Regulation, auch wenn ich das Wort selten so nenne, wenn gerade Soße vom Boden tropft. Ganz nebenbei ist es auch eine Übung in dem, was die GFK ein Bedürfnis hinter dem Verhalten nennt. Mila braucht in dem Moment keinen Vortrag, sie braucht nur, dass ich nicht mitkippe.
Wer schmeißt, hilft auch beim Wischen
Der Lappen ist mein wichtigstes Werkzeug geworden, nicht die Stimme. Wenn Nudeln fliegen, hole ich ihn ruhig und reiche ihn Mila: „Oh, da liegen die Nudeln, die wischen wir jetzt zusammen weg, damit niemand ausrutscht." Keine Strafe, nur eine logische Folge – ein Gedanke, über den ich an anderer Stelle schon einmal ausführlicher geschrieben habe, als es um Trotzphase mit drei Jahren und Konfliktleichtigkeit ging.
Das ist die natürliche Konsequenz in ihrer banalsten Form: Wer das Essen auf den Boden befördert, hilft, es wieder wegzubekommen. Manchmal biete ich ihr sogar die Wahl zwischen zwei Lappen an, grün oder gelb – eine kleine Scheinautonomie, die ihr trotzdem das Gefühl gibt, mitzubestimmen.
Putzen ist für eine Dreijährige nach wenigen Minuten todlangweilig, und genau das nimmt dem Herunterwerfen den Reiz. Fliegen macht Spaß, Wischen nicht – diese Erkenntnis hat bei uns mehr verändert als jede Standpauke.
Alleinerziehend, erschöpft und der Eltern-Frust am Esstisch: Wann sich welcher Weg lohnt
Am Kita-Tor treffe ich manchmal Thea, deren Sohn Felix das alles schon hinter sich hat – er ist jetzt fünf und isst inzwischen, ohne dass etwas fliegt. Als ich ihr neulich von Milas Flugversuchen erzählte, sagte sie nur: „Bei uns war das auch so." Keine Floskel, kein Ratschlag hinterher, nur diese eine ehrliche Bestätigung, die an einem erschöpften Abend manchmal mehr hilft als jeder Tipp.
Reagieren mit Stimme und Strafpredigt hat bei uns genau einen Vorteil: Es geht schnell, wenn mir selbst die Kraft für mehr fehlt, kurz vor der eigenen Erschöpfungsschwelle. Konsequenz und ruhiges Mitmachen brauchen länger, dafür hält die Wirkung auch noch, wenn ich längst wieder am Schreibtisch sitze. Wenn ich abwägen muss: Variante eins nehme ich inzwischen nur noch in genau diesen Momenten. Variante zwei ist der Weg, der tatsächlich etwas verändert – auch wenn er in dem Moment, in dem die Soße schon an der Wand klebt, nie der leichtere ist.
Eine Freundin aus dem Haus lernt neuerdings Portugiesisch mit einer App, zehn Minuten am Abend, und findet meine zweisprachige Arbeit beneidenswert ruhig. Sie weiß nur nicht, dass mein Feierabend meistens mit einem Lappen in der Hand endet, nicht mit einem Wörterbuch. C'est la vie, auf Französisch wie auf Dresdnerisch: Der Fleck auf dem Parkett bleibt wohl als Souvenir, und der leere Hochstuhl ist für heute genug Beweis, dass wieder einer der beiden Wege funktioniert hat.