
Mila beißt zu, bevor ich überhaupt begreife, was passiert. Ich höre nur den Schrei des anderen Kindes, kurz und hell, mitten in der Warteschlange bei REWE an der Königsbrücker Straße, hier in Dresden-Neustadt. Meine Tochter steht da mit offenem Mund, fast erschrocken über sich selbst – kindliche Aggression, live und in der Schlange vor uns beiden.
Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schießt, ist der immer gleiche Mythos: Ich bin alleinerziehend, ich kriege das offensichtlich nicht in den Griff, alle in der Schlange denken jetzt dasselbe über mich. Dieses Eltern-Schuldgefühl sitzt tiefer als jeder Schrei. Dabei stimmt an diesem Mythos fast nichts – und genau deshalb schreibe ich heute nicht nur über die Szene selbst, sondern über das, was wir in der Trotzphase über kindliche Aggression oft komplett falsch verstehen.
Bedeutet Beißen, dass mein Kind aggressiv ist?
Nein. Beißen bei einem Dreijährigen hat fast nie etwas mit Bosheit zu tun. Es ist ein Zeichen, dass die Impulskontrolle im Gehirn einfach noch nicht fertig verdrahtet ist – der präfrontale Cortex arbeitet bei Kleinkindern noch im Rohbau. Wenn das Gefühl größer ist als das, was ein dreijähriger Mund an Worten hergibt, gewinnt der Körper gegen die Sprache. Das ist keine Charakterschwäche, das ist Biologie, die noch nicht fertig ist.
Manchmal steckt dahinter auch schlicht zu viel auf einmal – zu laut, zu eng, zu viele Reize zwischen Kasse und Wagen.
Warum lautes Eingreifen die Aggression in der Trotzphase verstärkt
Lange dachte ich, eine klare, laute Reaktion zeigt Mila, dass Beißen nicht geht. Fast immer passiert das Gegenteil. Jede aufgeregte Standpauke verstärkt bei ihr genau die Anspannung, aus der das Beißen überhaupt erst kam – eine Rückkopplung, die ich inzwischen auch an ihren Schimpfwörtern beobachte, wenn ich selbst zu heftig reagiere.
Mila spürt die Anspannung in meiner Stimme, bevor sie meine Worte überhaupt verarbeiten kann. Aus einem einzelnen Biss wird auf diese Weise schnell ein Machtkampf zwischen uns beiden, bei dem am Ende keiner gewinnt.
Der Joghurt aufs Band, ohne ein einziges Wort
Letzten Mittwoch bei REWE hatte ich vorher noch das Übliche versucht – ihr versprochen, dass es danach ein Eis gibt, wenn sie einfach nur mitkommt, ohne Theater. Es hat nicht funktioniert, bei uns funktioniert das nie wirklich, Bestechung kauft höchstens ein paar ruhige Minuten. Trotzdem stand Mila kurz danach neben mir am Band, nahm den Joghurtbecher selbst aus dem Wagen und legte ihn aufs Band. Keine Szene, kein Wort, nur ihre kleinen Hände, die etwas Alltägliches erledigten. Ich habe kaum reagiert, aus Angst, es kaputtzumachen.
Der Druck in solchen Momenten – die Blicke der anderen in der Schlange, das Gefühl, gerade bewertet zu werden – hat mit dem echten Verhalten des Kindes oft wenig zu tun. Meine Freundin Ragna hat mir das ziemlich unverblümt gesagt, als ich ihr von der REWE-Szene erzählte: Die Leute in der Schlange denken höchstens drei Sekunden über dich nach, und danach nie wieder, also hör auf, dir das anzutun.
So reagiere ich, wenn die Zähne schneller sind als die Worte
Was im Moment wirklich hilft, ist unspektakulär. Ich gehe körperlich näher ran, statt lauter zu werden – Ko-Regulation nennt man das, mein ruhiges Nervensystem soll ihrem irgendwie signalisieren, dass gerade nichts Schlimmes passiert. Ich benenne kurz, was für ein Bedürfnis wohl dahintersteckt, statt eine Moralpredigt zu halten, weil hinter fast jedem Ausbruch ein Bedürfnis steckt, das noch keine eigenen Worte hat.
Gegen Abend, nach einem vollen Kita-Tag, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Biss bei uns ohnehin höher. Die Anspannung vom ganzen Tag staut sich bei ihr auf und entlädt sich dann irgendwo, wo gerade Platz dafür ist – im Zweifel an einem fremden Kinderarm. Ihre Frustrationstoleranz ist an solchen Tagen kleiner als sonst, meine übrigens manchmal auch.
Als alleinerziehende Mutter kenne ich meine eigene Erschöpfungsschwelle inzwischen ziemlich genau, und an den Tagen, an denen ich selbst kurz vorm Kippen bin, kippt bei Mila meistens auch etwas.
Die eine Regel, die bei uns wirklich funktioniert: erst der Körper, dann die Worte. Wenn es passiert, gehen wir ohne große Erklärung einfach aus der Situation raus, sagen einen einzigen kurzen Satz dazu, und lassen den Rest der Pädagogik erstmal Pädagogik sein. An ruhigeren Tagen, bevor wir überhaupt irgendwohin gehen, bauen wir vorher Bewegung ein, rennen, hüpfen, den Dampf rauslassen, damit später am Nachmittag weniger übrig bleibt, das sich einen Weg nach draußen sucht.
Vor ein paar Wochen schrieb mir eine Leserin namens Edda, die seit einer Weile unter fast jedem Post kommentiert, ein paar Zeilen, die sich anfühlten, als wären sie mitten in der Nacht getippt worden – eine fast identische Supermarkt-Szene, nur mit ihrem Sohn statt mit Mila. Solche Nachrichten helfen mehr als jeder Ratgeber.
Ich habe an anderer Stelle schon mal beschrieben, wie Mila sich selbst haut, wenn der Frust keinen anderen Ausweg findet – Beißen ist bei uns nur die Variante, die nach außen geht statt nach innen. Beides ist dieselbe Baustelle, nur mit einer anderen Tür.
Später sitze ich wieder am Schreibtisch, hinter mir ein Regal, das nie ganz fertig sortiert ist – die eine Hälfte Wörterbücher auf Französisch, die andere Bilderbücher für sie. Ich höre das leise Knacken vom Parkett, wenn Mila nachts kurz aus ihrem Zimmer tapst und nachschaut, ob ich noch da bin. Kein Drama, nur ein Kind, das sich vergewissert. An solchen Abenden denke ich: Wir sind beide noch im Rohbau, nur an verschiedenen Stellen.