
Grenzen setzen und die Stimme heben sind für viele Leute dasselbe. Für mich sind es inzwischen zwei komplett unterschiedliche Sachen, das eine hat mit Kontrolle zu tun, das andere mit Halt. Genau diese Verwechslung höre ich ständig, wenn mir wildfremde Leute in Dresden-Neustadt ungefragte Erziehungstipps für die Trotzphase geben, obwohl ich als Alleinerziehende längst meinen eigenen Weg zwischen Gewaltfreier Kommunikation und schlichter Erschöpfung gefunden habe.
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Der Irrtum: Grenzen setzen heißt hart durchgreifen
Der Satz, der mir am häufigsten begegnet, klingt ungefähr so: Sei konsequent, sonst tanzt sie dir auf der Nase rum. Als ließe sich eine Trotzphase mit genug Strenge einfach abstellen, wie ein Schalter, den man nur fest genug umlegen muss.
Was bei uns wirklich funktioniert, hat mit Strenge wenig zu tun. Eine Grenze ist bei uns kein Verbot, sondern eine Ansage, die Sicherheit gibt: Ich bestimme den Rahmen, du darfst trotzdem wütend darüber sein. Das klingt nach wenig, verändert aber, wie ein Nein bei Mila ankommt.
Meine Nachbarin Swantje, die ein Stockwerk über mir wohnt, hat dazu vor kurzem nur einen einzigen Satz gesagt, mehr nicht. Sie hat den ruhigsten Blick von allen, die ich kenne. Eine Grenze sei kein Kampf, den man gewinnen muss, meinte sie, sondern eine Linie im Sand, die einfach da bleibt, ob Mila protestiert oder nicht.
Die Sache mit der Fünf-Minuten-Vorwarnung
Am Spielplatz am Hechtpark probiere ich oft, Übergänge anzukündigen, bevor sie kommen. Fünf Minuten vorher Bescheid sagen, hieß es in einem Ratgeber, dann klappt der Abschied angeblich ohne Drama.
Neulich habe ich genau das gemacht: Mila fünf Minuten vorher angekündigt, dass wir gleich losgehen. Es hat nichts gebracht. Sie hat sich trotzdem auf den Boden geworfen und geschrien, und die Vorwarnung hat den Ausbruch nicht verhindert, sondern höchstens um fünf Minuten verschoben.
Was das für mich verändert hat: Eine Vorwarnung ersetzt keine Vorbereitung. Ich kündige den Übergang zwar noch an, erwarte davon aber keine Kooperation mehr. Stattdessen bleibe ich einfach in der Nähe, wenn er kommt, und halte die Grenze aus, ohne sie mehrfach zu erklären.
Genau nach so einem Nachmittag habe ich mir das Trotzphase Videoseminar geholt, weil es mit seinen knapp 28 Minuten Laufzeit in eine einzige Mittagsschlaf-Pause passt. Es bleibt eher an der Oberfläche und lässt einen im akuten Moment allein, aber als erster Schritt, um überhaupt zu verstehen, was in einem Dreijährigen-Kopf gerade passiert, war es hilfreich. Von dort aus bin ich bei der Konfliktleichtigkeit gelandet, die mit Sprache arbeitet statt mit starren Regeln.
Wird Grenzen setzen mit Autonomie oder Erschöpfung verwechselt?
Grenzen setzen wird gern in einen Topf geworfen mit Dingen, die eigentlich etwas anderes sind. Es ist nicht dasselbe wie das Kind in der Autonomiephase zu begleiten, in der Mila vor allem selbst entscheiden will, welcher Schuh zuerst drankommt. Ein Machtkampf ums Essen ist es genauso wenig, auch wenn sich manche Abende genau danach anfühlen. Und wie lange die Trotzphase insgesamt dauert, sagt eine einzelne Grenze ebenfalls nicht voraus, das ist eine ganz eigene Rechnung für sich.
Dass ich als Alleinerziehende irgendwann an eine Erschöpfungsgrenze komme, hat wiederum mit meiner eigenen Kapazität zu tun, nicht mit Milas Verhalten. Näher an der Sache dran ist eher, dass ich selbst ruhig bleibe, damit sie sich an mir orientieren kann, Fachleute nennen das wohl Ko-Regulation. Das Bedürfnis hinter einem Wutanfall zu übersetzen, ist noch mal eine eigene Übung, fast wie ein Satz, der zwischen den Zeilen etwas anderes meint als das, was dasteht. Der Widerstand, wenn wir einen Ort wie den Spielplatz verlassen müssen, gehört ebenfalls in eine eigene Schublade, genauso wie die Frage, wie viel Frustration Mila an einem bestimmten Tag überhaupt noch aushält.
Gewaltfreie Kommunikation nutzen, wenn Kontrolle nicht mehr trägt
Sprache wird bei uns zum Werkzeug, sobald reine Kontrolle nicht mehr trägt. Die Konfliktleichtigkeit arbeitet mit GFK, also mit vier Schritten: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte. Kein starres Erziehungsprogramm, eher eine Art, Milas Ärger zu übersetzen, statt gegen ihn anzukämpfen.
Am Anfang klingt das ziemlich clunky. Mila, ich sehe, dass du gerade richtig sauer bist, weil du länger bleiben wolltest. Ich möchte aber jetzt los, damit wir noch Zeit für das Abendessen haben. Fremde in der S-Bahn schauen mich bei solchen Sätzen manchmal komisch an. Trotzdem funktioniert es öfter als jedes Drohen.
Meine Leserin Ilse hat mir letztens genau danach geschrieben. Sie erwartete keine Antwort, nur stellte sie eine Frage, die noch tagelang nachhallt: ob eine Grenze eigentlich für das Kind da ist oder für die eigenen Nerven. Eine endgültige Antwort darauf habe ich bis heute nicht.
Wer tiefer einsteigen will, findet in der Konfliktleichtigkeit für Familien die Methode, die seit zehn Jahren am Markt ist und bei mir bis heute geblieben ist, auch wenn mir die Ich-Botschaften anfangs sperrig über die Lippen kamen.
Was ich seitdem anders mache
Bevor ich heute überhaupt reagiere, stelle ich mir eine einzige Frage: Geht es gerade um Sicherheit, oder geht es nur um meine eigene Bequemlichkeit? Bei Sicherheit bleibe ich hart und erkläre danach nichts weiter. Bei allem anderen lasse ich Mila ihren Ärger haben und halte nur den Rahmen, ohne ihn zu verteidigen.
Abends klappt das inzwischen so gut, dass Mila manchmal von selbst den Mund öffnet, noch bevor die Zahnbürste überhaupt bei ihr angekommen ist, nicht weil ich sie dazu bringe, sondern weil an der Stelle gerade keine Grenze mehr nötig ist.
Ungefragte Tipps von Fremden wird es weiterhin geben, egal wie ich mich entscheide. Wenn Mila schläft, ist es bei uns richtig still, nur der Kühlschrank in der Küche summt leise vor sich hin, sonst nichts. Für den schnellen Einstieg liegt weiterhin das Trotzphase Videoseminar bereit, für den langsameren, sprachlicheren Weg die Konfliktleichtigkeit, beides Dinge, die bei uns geblieben sind, während vieles andere wieder verschwunden ist.