Ein Schuh liegt verkehrt im Garderobenflur der Kita, der andere hängt nur noch locker an Milas Fuß, und sie schaut demonstrativ in die andere Richtung. Mitten in der Trotzphase gehört dieses Bild inzwischen zum festen Repertoire des Kita-Alltags, genauso wie der kalte Tee, der später auf meinem Schreibtisch steht.
Kurzer Hinweis vorab, weil er genau hierhin gehört: In diesem Text verwende ich Affiliate-Links. Kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine Provision, ohne dass sich der Preis für dich ändert. Empfohlen wird hier nur, was ich selbst ausprobiert habe, um meine eigenen Nerven durch diese Phase zu retten. Die vollständige Offenlegung findest du auf meiner Über-mich-Seite.
Drinnen riecht es nach nassen Wollmänteln und Bohnerwachs, irgendwo im Haus übt jemand auf der Blockflöte, und Mila liegt flach auf dem Linoleum, alle Viere von sich gestreckt, weil ich es gewagt habe aufzutauchen. Das Nein, das dabei aus ihr herauskommt, ist so laut, dass eine Erzieherin kurz aus der Küche schaut.
Mit Fahrradhelm auf dem Kopf und der Laptoptasche auf der Schulter versuche ich dann, sie in eine Jacke zu bekommen, die sich anfühlt, als wollte man einen nassen, zappelnden Aal einfangen. Kleinkind macht sich steif und lässt sich nicht tragen: Meine Erfahrungen habe ich davon schon einige gesammelt, aber im Kita-Flur, mit anderen Eltern im Rücken, ist das noch eine Stufe schwieriger.
Das Nein am Kita-Zaun hat selten etwas mit mir zu tun
Was mir inzwischen klar ist: Milas Nein beim Abholen richtet sich nicht gegen mich, sondern für ihr eigenes Spiel. Sie steckt gerade in dem, was Fachleute die Autonomiephase nennen, und mein Auftauchen unterbricht sie mitten in etwas, das ihr wichtig ist. Für mich reicht im Alltag die kurze Übersetzung: Ihr Nein ist eigentlich ein Ja zu etwas anderem, meistens zur Holzeisenbahn oder zur Erzieherin, die gerade noch vorliest.
Dazu kommt, was ich für mich Übergangswiderstand nenne: Der Wechsel von einer Sache zur nächsten ist für Mila oft schwerer als die Sache selbst, egal ob das der Spielplatz ist oder eben die Kita-Garderobe. Wer das einmal verstanden hat, hört aus dem Gebrüll weniger Angriff und mehr Überforderung heraus.
Rosinen, Routinen und andere gescheiterte Tricks
Einmal habe ich in der Manteltasche nach einem Überraschungssnack gewühlt und eine Handvoll Rosinen hervorgezogen, die eher nach Wollfussel schmeckten als nach Trost. Mila sah mich an, als hätte ich ihr angeboten, den Boden abzulecken, und das Gebrüll wurde nur lauter. Bestechung mit Essen verwandelt die Situation fast immer in einen Machtkampf, bei dem am Ende beide Seiten verlieren, egal wer gerade die Rosinen in der Hand hält.
Noch schlechter funktioniert hat bei uns reines Abwarten: einfach stehen bleiben, nichts sagen und hoffen, dass der Anfall von selbst aufhört, wenn ich ihn nur lange genug ignoriere. Das Gegenteil passiert, ohne jede Reaktion von mir eskaliert Mila eher, weil sie sich in dem Moment gar nicht gesehen fühlt. Ignorieren spart kurz Energie, kostet am Ende aber mehr Zeit, als wenn ich gleich reagiert hätte.
Das hilft, bevor die Jacke überhaupt zur Sprache kommt
Ankommen geht bei uns vor Abholen: Bevor ich überhaupt nach der Jacke greife, lasse ich Mila kurz zu Ende spielen oder sage einfach nur Hallo, ohne gleich zum Aufbruch zu drängen. Danach spiegle ich, was ich sehe, statt gleich zu handeln, ein Satz wie Du spielst gerade noch so schön mit der Holzeisenbahn, oder? nimmt oft schon die Hälfte der Anspannung raus, bevor überhaupt ein Nein ausgesprochen ist. Dieses Spiegeln kommt ursprünglich aus der Gewaltfreien Kommunikation, bei der es weniger um Befehle geht als um das Benennen von Gefühlen und Bedürfnissen hinter einem Nein.
Erst danach kommen Wahlmöglichkeiten: Willst du den gelben oder den blauen Schuh zuerst anziehen? klingt banal, funktioniert aber erstaunlich oft, weil Mila über etwas Kleines entscheiden darf, während die große Entscheidung (wir gehen jetzt) längst gefallen ist. Und wenn an einem Nachmittag wirklich nichts mehr geht, sage ich das auch so: Ich kann jetzt nicht mehr warten. Kinder merken, wenn Erschöpfung echt ist, und reagieren darauf oft ehrlicher als auf jede pädagogisch korrekte Formulierung.
Je nachdem, wie viel Kapazität an einem Tag noch da ist, hilft dabei unterschiedliches Material. Wenn die Zeit knapp ist, reicht oft ein kurzer Einstieg wie das Trotzphase Videoseminar, es ist schon 8.7 Jahre auf dem Markt, dauert nur 28 Minuten und passt in die Lücke, wenn Mila kurz vor dem Fernseher parkt. Wer sich stärker auf die Sprache konzentrieren will, findet in Konfliktleichtigkeit für Familien den Ansatz, der bei mir am längsten hängen geblieben ist; die Methode ist schon 10 Jahre alt und dreht sich fast ausschließlich darum, Bedürfnisse zu benennen statt nur Befehle zu geben, was mir als Übersetzerin naheliegt, weil ich beruflich ohnehin ständig nach den richtigen Worten suche. Wer komplett neu einsteigt und lieber einen festen Fahrplan hat, ist mit dem Elternförderprogramm oft besser bedient, es ist seit 1.6 Jahren am Markt und begleitet über drei Monate, strukturierter, als ich es für mich selbst gebraucht hätte.
Nach der Eskalation nicht einfach weitergehen
Eine Leserin namens Edda Waltenberg schreibt mir seit einer Weile regelmäßig, und ihre Fragen laufen fast immer auf dasselbe hinaus: nicht, was schiefgelaufen ist, sondern was danach passiert. Das ist der Teil, der in den meisten Ratgebern fehlt.
Bei uns sieht das so aus: Sobald wir aus der Kita-Tür draußen sind, rede ich nicht sofort weiter über das, was gerade war. Wir laufen erst ein paar Schritte, manchmal bis zur Kunsthofpassage und zurück, bevor ich überhaupt wieder ein Wort sage. Das gibt der Anspannung Zeit, sich bei uns beiden zu legen. Abends, wenn sie schon schläft, frage ich mich manchmal, ob das, was am Nachmittag wie Chaos aussah, überhaupt noch so schlimm war, meistens war es das nicht.
Wann ich aufhöre, es allein zu versuchen
Wenn die Wutanfälle insgesamt zu viel werden oder ich mich isoliert fühle, hilft es, sich nicht auf die eigene Erschöpfung zu verlassen. Meine alleinerziehende Freundin Ragna, die mittlerweile jeden Sozialdienst-Ansprechpartner in Dresden auswendig kennt, sagt dann meistens nur einen Satz: ruf an, warte nicht erst, bis es gar nicht mehr geht. Stellen wie die Caritas oder pro familia in Dresden sind für genau solche Momente da, nicht nur für akute Krisen.
Für mich bleibt der Weg über die Sprache, so wie ich ihn in Konfliktleichtigkeit gelernt habe, der am ehesten gangbare. Er fühlt sich natürlicher an als jedes feste Erziehungsprogramm, auch wenn er mehr Übung braucht, als mir manche Tage lassen.
Zurück am wackligen Schreibtisch mit den französischen Satzkonstruktionen denke ich oft, dass das, was zwischen Mila und mir im Flur passiert, seine eigene Grammatik hat, die ich erst langsam lerne, nicht unähnlich den unregelmäßigen Verben, über die ich beruflich ständig stolpere. Neulich morgens hat sie sich beide Schuhe komplett allein angezogen, den linken dabei locker auf den rechten Fuß geschoben, und wollte um keinen Preis, dass ich das korrigiere. Dieselbe Hartnäckigkeit, die mich nachmittags an der Garderobe fast zur Verzweiflung bringt, lässt sie morgens über sich selbst hinauswachsen, zwei Seiten derselben Autonomie.
Falls dich dieser Punkt interessiert, an dem die eigene Energie knapp wird: Ich habe auch aufgeschrieben, wie mir Alleinerziehend Trotzphase: Wie mir das Elternförderprogramm wieder Kraft gibt. Die Garderobe bleibt vorerst mein Übungsfeld, Schuh für Schuh.