
Mila klammert sich mit beiden Händen an die Schaukelkette im Alaunpark mitten in der Dresdner Neustadt, und ihr Nein klingt heute anders als sonst – tiefer, gedehnter, fast erwachsen für einen Mund, der noch mit den S-Lauten kämpft. Neben uns steht die Einkaufstasche, die ich eigentlich nur kurz abstellen wollte, und ich spüre, wie sich diese Trotzphase gerade eine Stufe hochschraubt. Andere Eltern schieben ihre Lastenräder in einem Bogen um uns herum, manche mit mitleidigem Blick, manche mit diesem „Bloß nicht heute"-Gesicht. Mila starrt mich an, als hätte ich ihr gerade das ganze Weltall verboten, und was jetzt kommt, kennt in unserer kleinen Wohnung inzwischen jeder: ein Wutanfall, der nicht in fünf Minuten vorbei sein wird.
Bevor ich weiter erzähle, wie sehr ich an diesem Nachmittag noch versagen werde: Dieser Text enthält Affiliate-Links. Kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Ich verlinke nur, was ich selbst in müden Nächten ausprobiert habe – meine vollständige Offenlegung steht auf der Über-mich-Seite.
Dieser Text ist Teil meines Erziehungs-Tagebuchs, das ich meistens sonntagabends schreibe, wenn Mila endlich schläft.
Angefangen hat das schon vor ein paar Wochen, schleichend – ein Nein bei den gelben Gummistiefeln hier, eins beim Zähneputzen da. Aber das hier ist die erste Woche, in der aus einzelnen Neins ein Prinzip geworden ist.
Warum kracht mein Nein plötzlich gegen eine Wand?
Wir stehen jetzt seit gefühlt einer Ewigkeit an dieser Schaukel fest, und die Standard-Erklärung, die man in der Dresden-Neustadt an jeder Ecke hört – bedürfnisorientiert bleiben, ruhig bleiben, alles wird gut – hilft mir in diesem Moment ungefähr so viel wie ein Kochrezept beim Reifenwechsel. Übersetzt heißt das: gar nicht.
Was hier passiert, hat einen Namen, den ich erst über Umwege gelernt habe – die Autonomiephase, die erklärt, warum das Nein bei einem Dreijährigen plötzlich reflexartig kommt, nicht als Trotz gegen mich persönlich, sondern als erster Muskel eines eigenen Willens, der sich gerade zum ersten Mal anspannt.
Genau diese Reflexhaftigkeit macht jede einzelne Situation unberechenbar – auch die, die eigentlich Routine sein sollten.
Was tue ich, wenn Mila mitten im Supermarkt zusammenbricht?
Vor zwei Wochen, noch vor dieser Szene an der Schaukel, ist Mila mitten im REWE um die Ecke auf den Boden gesackt, weil ich den falschen Quetschi in den Wagen gelegt hatte – Erdbeere statt Apfel-Banane, oder umgekehrt, ich weiß es nicht mehr genau. Zuerst habe ich es mit Ignorieren versucht, einfach weitergeschoben und gehofft, sie hört von allein wieder auf, wenn niemand reagiert. Das Gegenteil ist passiert: Je weniger ich reagierte, desto lauter wurde sie, bis eine Kassiererin fragte, ob alles in Ordnung sei, und ich am liebsten im Linoleum versunken wäre. Am Ende habe ich mich neben sie auf den Boden gesetzt, mitten im Gang, und einfach gewartet, bis sie sich von selbst wieder beruhigt hatte – keine Ansprache, kein Verhandeln, nur da sein. Ignorieren hilft bei ihr offenbar nicht, daneben sitzen schon eher. Wer ähnliche Szenen kennt, findet ein paar Ansätze in meinem Text darüber, was hilft, wenn ein Kleinkind im Laden alles kaufen will.
Der Kindersitz-Kampf und die kippende Abendroutine
Der Kindersitz ist gerade unser zweites großes Schlachtfeld. Letzten Donnerstag hat sie sich im Auto vor der Kita rückwärts aus dem Sitz gewunden, während ich mit dem Gurt kämpfte und die Straße hinter uns langsam zuparkte. Gezählt, gesungen, mit dem Lieblings-Stofftier verhandelt – nichts davon hat sie überzeugt, bis mir selbst die Geduld ausging und ich sie fast angeschrien habe, sie solle jetzt endlich stillhalten. Lauter geworden ist es dadurch nur. Gerettet hat mich am Ende schlicht Zeit: zehn Minuten früher losfahren, damit der Kampf nicht gegen die Uhr laufen muss.
Die Abendroutine kippt aus einem ähnlichen Grund: Wutanfall nach der Kita zieht sich bei uns oft bis zum Schlafanzug durch, wenn ich ihn nicht rechtzeitig auffange. Vorletzten Mittwoch hat sich das Zähneputzen zu einer vierzigminütigen Grundsatzdebatte ausgewachsen – Zahnpasta zu scharf, Zahnbürste zu grün, Licht zu hell –, und irgendwann habe ich laut „Jetzt reicht's" gerufen, was Mila nur noch mehr zum Weinen gebracht hat. Geholfen hat am Ende nicht mein Ton, sondern die geänderte Reihenfolge: erst Geschichte, dann Zähne, nicht umgekehrt. Klein, aber es hat den Abend gerettet.
Alleinerziehend in der Trotzphase ist eine andere Rechnung
Was Erziehungsratgeber gern eine Machtkampf-Dynamik nennen, fühlt sich für mich meistens schlichter an: Ich bin müde, sie ist stur, und keiner von uns beiden will als Erste nachgeben.
Ohne einen zweiten Erwachsenen im selben Haushalt gibt es kein „Übernimm du kurz", keine Verschnaufpause zwischen zwei Runden. Es gibt nur mich, die das Kind vom Boden hebt, den Einkauf nach Hause trägt und danach noch kocht, während die Nerven blank liegen. Es gibt einen Punkt, an dem die eigene Erschöpfungsschwelle kippt, und als Alleinerziehende erreiche ich ihn schneller, als mir lieb ist.
Ragna, eine befreundete Alleinerziehende aus dem Dresdner Netzwerk, hat mir letzte Woche am Telefon knallhart gesagt, ich solle aufhören, mich für laute Öffentlichkeits-Szenen zu entschuldigen – typisch für sie, sie sagt Dinge einfach geradeheraus, ohne dass es böse gemeint ist.
Für Gewaltfreie Kommunikation und das Suchen nach dem unerfüllten Bedürfnis hinter jedem Nein fehlt mir an manchen Abenden schlicht die Energie, auch wenn ich weiß, dass genau das dahintersteckt. Dazu kommen dann noch ungefragte Erziehungstipps von Passanten, die genau in solchen Momenten am wenigsten helfen.
Seit vier Jahren übersetze ich Romane aus dem Französischen, und diese Phase fühlt sich manchmal an wie Übersetzen ohne Wörterbuch – ich erkenne die Wörter, aber die Bedeutung dahinter muss ich mir jeden Tag neu erschließen.
Was mir an diesem Abend wirklich geholfen hat
Woche eins – und niemand hat mir vorher gesagt, dass das noch Monate so weitergeht. Also habe ich nachts gesucht, mit dem Handy im Bett, den Ton auf lautlos, damit Mila nicht aufwacht.
Später sitze ich an meinem Schreibtisch im zweiten Stock unserer Altbauwohnung, das schräge Licht der Hoflaterne fällt schon durch den Vorhang, der Notizblock liegt aufgeklappt zwischen den Stapeln mit französischen Romanen, und irgendwo hinter mir kratzt die Heizung, die sich kurz vor Mitternacht immer wie von selbst noch einmal meldet. Der Mokka in der Kanne ist längst kalt, aber ich trinke ihn trotzdem, während ich mir das Trotzphase Videoseminar hole.
Halbe Stunde, das war die einzige Voraussetzung, die mein Gehirn an diesem Abend noch erfüllen konnte, und die knapp 28 Minuten passten genau in das Fenster zwischen „Kind schläft" und „ich falle selbst um". Eine fertige Lösung hat es mir nicht gegeben, aber eine Einordnung: dass dieses ewige Nein kein Angriff auf mich ist, sondern ein Teil davon, wie sie gerade lernt, eigenständig zu werden.
Mehr war es nicht. Aber genug für diesen Sonntagabend.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet in der Konfliktleichtigkeit für Familien einen Ansatz, der stark mit Sprache arbeitet – für mich als Übersetzerin fast folgerichtig, auch wenn ich an manchen Abenden zu müde bin, um selbst danach zu greifen.
Vorgestern hat sie ein Nein von mir angenommen, ganz ohne Drama, mitten beim Abwischen des Küchentischs, die Küchenrolle noch in der Hand, und ich habe für einen Moment fast vergessen, wie ungewohnt sich das anfühlt.
Eddas Frage und das Desaster beim Oma-Besuch
Eine Leserin namens Edda hat mir vor Kurzem geschrieben und gefragt, wie ich das bei Besuchen bei den Großeltern hinbekomme, wenn Mila vor Publikum eskaliert – ihre Nachrichten klingen oft so, als wären sie kurz vor Mitternacht getippt worden, dringlich und ehrlich zugleich.
Bei Oma war es zuletzt richtig schwierig. Mila wollte partout nicht vom Sofa zum Esstisch wechseln, meine Mutter hat versucht zu vermitteln, ich habe versucht, es sportlich zu nehmen, und am Ende haben wir beide – Mila und ich – vor versammelter Familie geweint, während das Essen kalt wurde. Der Übergangs-Widerstand beim Wegmüssen von einer Sache, die ihr gerade gefällt, ist bei uns fast schlimmer als das Nein selbst, ob am Esstisch oder auf der Schaukel im Alaunpark. Seitdem kündige ich den Wechsel vorher an, statt mittendrin zu überraschen.
Ihre Frustrationstoleranz ist gerade ungefähr so dünn wie meine eigene kurz vor Mitternacht. Und was Fachleute Co-Regulation nennen, heißt in der Praxis meistens: selbst ruhig bleiben, obwohl innerlich längst alles kocht, damit wenigstens einer von uns beiden runterkommt.
Falls du gerade genauso ratlos vor einem schreienden Kind stehst: Du bist nicht die Einzige, auch wenn sich das um diese Uhrzeit anders anfühlt. Wenn du eine schnelle Einordnung brauchst, ohne dich durch ein ganzes Buch zu kämpfen, kann ich dir das kurze Videoseminar zur Trotzphase ehrlich empfehlen – es ersetzt keinen Schlaf, aber es senkt den Puls, und mehr braucht es an manchen Sonntagabenden nicht. Wer tiefer graben will, findet in der Methode der Konfliktleichtigkeit einen Weg, langfristig aus der Brüll-Falle rauszukommen.
Der Mokka ist jetzt vollständig kalt, und morgen stehen die gelben Gummistiefel garantiert wieder zur Debatte. Aber vielleicht bleibe ich diesmal wenigstens stehen, statt mich innerlich mit auf den Boden zu werfen.