Streit bei Playdates: Wenn mein Kind andere Kinder haut oder schubst

2026.08.22
Streit bei Playdates in der Trotzphase – Kind haut oder schubst beim Spielen mit anderen Kindern

Ein Schubs auf dem Klettergerüst dauert eine Sekunde. Die Scham danach hält den ganzen Nachmittag. So sieht Streit bei Playdates bei uns gerade aus, seit Mila vor rund zwei Monaten mitten in der Trotzphase gelandet ist und beschlossen hat, dass Schubsen manchmal schneller geht als Reden. Ich bin alleinerziehend, wohne mit ihr in der Dresdner Neustadt, und kenne das Muster inzwischen fast auswendig: Ein anderes Kind will dieselbe Schaufel oder dasselbe Dreirad, und für eine Sekunde ist Milas Hand schneller als alles, was ich ihr über Worte beigebracht habe.

Der Nachmittag im Alaunpark, an dem die Schaufel flog

Wir waren mit einer anderen Familie im Alaunpark verabredet, ein gewöhnliches Playdate mit Sandförmchen und zwei müden Müttern auf der Bank. Mila wollte die rote Schaufel, das andere Kind ebenfalls. Zwischen 'wollen' und 'schubsen' lag an diesem Nachmittag kein einziger Zwischenschritt – sie hat das andere Kind vom Klettergerüst gestoßen, bevor ich überhaupt reagieren konnte.

Danach kam dieser vertraute, brennende Moment – die Blicke der anderen Eltern, das Gefühl, gerade live vorzuführen, dass man sein Kind nicht im Griff hat. Mein erster Reflex war, ihr ausführlich zu erklären, warum wir jetzt sofort gehen müssen: dass man andere Kinder nicht schubst, dass ich sehr enttäuscht bin, dass wir jetzt packen. Drei Sätze raus, null Sätze angekommen. Mila hat nur lauter geschrien, bis die halbe Wiese wusste, dass hier gerade eine Mutter scheitert.

Bunte Sandschaufel im Alaunpark, Auslöser für Streit bei Playdates in der Trotzphase

Steckt dahinter ein Charakterzug – oder einfach kindliche Entwicklung in voller Geschwindigkeit?

Nein, das ist kein Charakterfehler. Mila ist nicht gemein, auch wenn sich das in solchen Momenten anders anfühlt. Unter anderen Kindern kommen die Impulse schneller als jede Absprache – Tempo ist hier das eigentliche Problem, nicht der Wille. Mit gut drei Jahren ist ihre Hand oft einfach schneller als ihr Kopf, und das hat weniger mit Erziehung zu tun, als mir manchmal lieb ist.

Manchmal fühlt sich das an wie Übersetzen ohne Wörterbuch.

Was mir wirklich geholfen hat, war ausgerechnet ein Punkt aus dem Text über Gefühlsausbrüche begleiten: erst die Emotion sortieren, dann über das Verhalten reden. Nicht andersherum.

Klettergerüst auf dem Spielplatz im Alaunpark, Schauplatz für Konflikte zwischen Kleinkindern

Woche für Woche anders reagieren lernen

Am Anfang bin ich sofort zum anderen Kind gerannt, habe mich entschuldigt und Mila vor allen Leuten zurechtgewiesen – das unausgesprochene Protokoll, das beweisen soll, dass man sein Kind im Griff hat. Es hat nur alles schlimmer gemacht. Mila hat komplett dichtgemacht, nur noch lauter geschrien, und ich stand daneben, durchgeschwitzt und kurz vorm Heulen.

Inzwischen mache ich es umgekehrt. Ich schaue zuerst, ob Mila überhaupt noch ansprechbar ist, bevor ich mich um irgendetwas anderes kümmere. Das andere Kind wird in der Regel sowieso von den eigenen Eltern getröstet. Erst wenn Mila wieder bei mir ist, reden wir über das, was passiert ist – nicht davor, und schon gar nicht, während sie noch völlig aufgelöst ist.

Der Dienstag mit der Küchenrolle

Es war ungefähr Woche sechs, ein ganz gewöhnlicher Dienstagabend in unserer Küche. Mila wollte die komplette Küchenrolle für ein Bastelprojekt, ich habe Nein gesagt – und sie hat die Rolle einfach wieder hingelegt und weitergemacht. Kein Schreien, keine Verhandlung, kein Schubsen von irgendetwas in Richtung Wand. Ich habe eine Sekunde gebraucht, um zu merken, dass gerade etwas Kleines, aber Neues passiert war.

Nachts knarrt manchmal der alte Dielenboden, wenn sie leise aus ihrem Zimmer schleicht – meistens das einzige Zeichen, dass sie überhaupt wach ist. An diesem Abend habe ich sie kurz gehört, nachgesehen, und sie lag schon wieder da, als wäre nichts gewesen. Vielleicht schläft sie inzwischen einfach ruhiger. Vielleicht merke ich es nur, weil ich selbst wacher geworden bin für das, was bei ihr Unruhe bedeutet und was nicht.

Meine alte Freundin Henrike, die seit Jahren in Leipzig lebt, hat mir am nächsten Tag geschrieben und mich an einen Satz erinnert, den ich selbst schon vergessen hatte – dass ich ihr vor Wochen erzählt hatte, wie erschöpfend all diese Entschuldigungen bei fremden Eltern für mich sind. Sie merkt sich Dinge, die ich längst abgelegt habe, und manchmal ist genau das der Beweis, dass sich doch etwas bewegt.

Auf dem Rückweg vom Alaunpark bin ich neulich noch kurz mit einer anderen Mutter auf einen Kaffee hängengeblieben, nachdem sich beide Kinder wieder vertragen hatten. Sie hat nur erzählt, ihr Sohn habe letzte Woche ein anderes Kind gebissen, und sie habe kurz überlegt, den Spielplatz für immer zu meiden. Wir haben beide gelacht, müde und erleichtert zugleich – für ein paar Minuten fühlte sich die Erschöpfung wie etwas Geteiltes an, nicht wie etwas, das nur ich falsch mache.

Zwei Kaffeetassen im Gespräch zweier alleinerziehender Mütter nach einem Playdate in der Trotzphase

Eltern-Tipps helfen nur, wenn die Kinder wieder ansprechbar sind

Streit bei Playdates hört nicht auf, nur weil ich jetzt weiß, was ich anders mache. Aber die eine Regel, die bei uns inzwischen wirklich hilft, ist simpel: erst mein Kind, dann die Erklärung – nie umgekehrt. Der Rest, die Blicke der anderen Eltern, die Bitte um Entschuldigung, kann warten, bis Mila wieder da ist.

Wenn wir es irgendwann schaffen, dass sie beim Spaziergang wirklich Sicher durch den Verkehr in der Trotzphase kommt, schaffen wir es vielleicht auch, dass sie beim nächsten Playdate die Schaufel loslässt, bevor sie schubst. Bis dahin übe ich weiter, zuerst bei ihr zu bleiben und die Erklärungen für später aufzuheben.

Ich schreibe das an einem Sonntagabend, der Tee ist wieder kalt, und diesmal stört mich das kaum. Morgen ist Montag, es gibt neue Grundsatzdebatten über Schuhe und Brotdosen, und wahrscheinlich schubst irgendwo wieder eine kleine Hand, bevor der Kopf hinterherkommt. Aber vom Alaunpark bis zur Küchenrolle ist immerhin ein kleines Stück Weg zurückgelegt.